Interview: Kotrschal zum Wolf

Der Wolf polarisiert und Fake-News kursieren. Wir von Tierschutz Austria haben deshalb den Wolfexperten und Professor Kurt Kotrschal zu gängigen Mythen über Meister Isegrim befragt.

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Wolf

Welche Rolle spielt der Wolf im Ökosystem?

Kotrschal: Wölfe sind Prädatoren und stehen an der Spitze der Nahrungskette. In Mitteleuropa haben wir eine dreifach erhöhte Schalenwilddichte, die verhindert, dass sich die Wälder gesund entwickeln. Menschliche Jäger:innen können ein natürliches Gleichgewicht seit Jahrzehnten nicht erreichen. Die Schalenwilddichte nimmt ungebrochen zu. Zudem verschwinden Bodenbrüter (trotz massiver Fuchsbejagung) und Wildkrankheiten verbreiten sich laufend.

Wölfe könnten Wildzahlen natürlich regulieren und halten ihre Beute gleichzeitig gesund. Den stärksten Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest gibt es etwa dort, wo keine Wölfe leben. Das ist kein Zufall, sondern hängt damit zusammen, dass Wölfe Wildschweine jagen und ihre Kadaver fressen, ohne das Virus dabei zu übertragen. Der Wolf als Prädator beeinflusst aber nicht nur seine unmittelbare Beute, sondern verbessert das gesamte Ökosystem Wald. In Wolfsterritorien gibt es beispielsweise auch weniger Füchse und Goldschakale, was wiederum positiven Einfluss auf Bodenbrüter haben kann. Das sehen wir gerade eindrucksvoll in Sachsen, wo seit der Rückkehr des Wolfs auch Rebhühner wieder auf dem Vormarsch sind.

Woher wissen wir, wie viele Wölfe in Österreich leben und was sie tun?

Kotrschal: Monitoring-Daten über unserer Wölfe erhalten wir aktuell überwiegend von Wildtierkameras der Jägerschaft. Hier besteht ein Interessenskonflikt. Mit einer Wolfsmeldung riskieren Jäger:innen, Aufmerksamkeit auf sich und ihr Revier zu ziehen. Viele wollen aber nicht in den öffentlichen Konflikt miteinbezogen werden. Sie vermeiden es auch, Wölfe legal abzuschießen, da sie fürchten an den Pranger gestellt zu werden. Leider kommt es häufig dennoch zu illegalen Abschüssen. Das lässt vermuten, das Wölfe geschossen werden, bevor die Öffentlichkeit von ihrer Anwesenheit erfahren soll. Auch die feudalen Besitzverhältnisse in Österreich behindern ein ordentliches Monitoring. Großgrundbesitzer:innen wollen meist nicht, dass Monitoring auf ihrem Grund passiert. Eine entsprechende Gesetzesänderung wäre (wie in vielen anderen Bereichen) dringend erforderlich.

Woher wissen wir, wie viele Nutztiere diese Wölfe verletzen und sind die Zahlen verlässlich?

Kotrschal: Risszahlen erhalten wir überwiegend über die Nutztierhalter:innen. Diese melden, wenn sie einen Wolfsriss vermuten. Rissbeauftragte entnehmen anschließend DNA-Proben, um zu bestimmen, ob ein Wolf beteiligt war. Da Halter:innen entschädigt werden, klappt die Meldung gut, sodass nachgewiesenen Risszahlen tatsächlich der Realität entsprechen dürften. Problematisch ist in der öffentlichen Diskussion aber, dass teils nur tatsächliche Nachweise als Wolfsrisse aufgelistet werden, während teils „Kollateralschäden“ dazuzählt werden, beispielsweise Tiere, die aufgeschreckt wurden und dadurch abgestürzt sind. Das mag eventuell gerechtfertigt sein, öffnet aber Mutmaßungen und Übertreibungen Tür und Tor.

Um die Risszahlen in Relation zu sehen, muss außerdem auch bekannt sein, wie viele Nutztiere auf Almen insgesamt (auch ohne Wolf) sterben. Offizielle Zahlen gibt es hierfür nicht, weil Halter:innen ihre Verluste nicht melden müssen. Man geht aber bei Schafen von insgesamt 2-5 % Verlust pro Almsommer aus. 2021 gingen von etwa 5.000 verlorenen Schafen 600 an Wolf. Das ist natürlich einerseits zu viel, andererseits aber wenig, bedenkt man, dass unsere Halter:innen immer noch fast keinen Herdenschutz praktizieren. Der Großteil der Verluste geschah zudem im Tal, in Hofnähe, wo Schafe sehr einfach geschützt werden könnten.

Die Risszahlen steigen, woran liegt das und sind Abschüsse die Lösung?

Kotrschal: Das hat unterschiedliche Gründe. Der aktuelle Anstieg der Risszahlen erklärt sich aus der rasch steigenden Anzahl der zu- bzw. durchwandernden Wölfe und dem fehlenden Herdenschutz. Es ist aber auch eine Folge der illegalen Abschüsse, die eine Rudelbildung in Österreich größtenteils verhindern. Niedergelassene Wölfe regulieren ihre Bestandsdichte durch ihre ausgeprägte Territorialität selbst. Da sie fremde Artengenossen vertreiben oder töten, meiden Einzelgänger Rudelterritorien. Ansässige Rudel bevorzugen zudem nachweislich Wildtiere, während Durchwanderer eher auf ungeschützte Nutztiere zurückgreifen. Die Rudelbildung sollte daher von allen Seiten gewünscht sein. Werden Wölfe nun laufend durch Abschüsse entfernt, wird der nächste Durchzügler wieder auf ungeschützte Weidetiere treffen. Einen Lerneffekt kann es nicht geben. Wohingegen einem Rudel durch sachgemäßem Herdenschutz dauerhaft und nachhaltig beigebracht werden kann, Weidetiere zu meiden.

Wird in Österreich ausreichend Herdenschutz betrieben und wie sieht es rechtlich aus? Sind Herdenschutzmaßnahmen verpflichtend?

Kotrschal: In Österreich wir kein ausreichender Herdenschutz betrieben (beispielsweise durch Behirtung, fachgerechte Zäune und/oder Herdenschutzhunde). Der Widerstand ist hierzulande groß und auch politischer Natur. Besonders landwirtschaftliche Standesvertretungen befeuern leider oft aktiv die Ablehnung von Herdenschutzmaßnahmen bei Landwirtinnen und Landwirten. Es wird suggeriert, dass man durch den Abschuss des Wolfes das Problem einfacher und kostengünstiger lösen könnte. Hingegen wurden leider bereits Landwirtinnen und Landwirte, die Herdenschutz anwenden, als „Verräter:innen“ denunziert.

Natürlich sind Herdenschutzmaßnahmen eigentlich verpflichtend, denn nach EU-Recht sind vor der Tötung eines geschützten Tieres gelindere Mittel auszuschöpfen. Wo Herdenschutz möglich ist, muss man ihn daher auch versuchen. Dafür spricht sich auch die EU-Kommission eindeutige aus. Die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie ist eine Naturschutzrichtline der EU, die gewährleisten soll, dass unionsweit natürliche Lebensräume, Tier- und Pflanzenarten geschützt werden. Damit sind wir auch in Österreich verpflichtet, gute Erhaltungszustände vom Wolf zu garantieren.

Almen können außerdem nicht pauschal als unschützbar erklärt werden. Man muss sich jedes Gelände individuell ansehen und individuelle Lösungen finden. Die EINE effektivste Herdenschutzmaßnahme gibt es nicht, das hängt von vielen Faktoren ab. Das Österreichzentrum Bär Wolf Luchs und die LIFEstockProtect Herdenschutz-Kompetenzzentren bemühen sich redlich um passende Konzepte und Lösungswege.

Wie gut oder schlecht gelingt Österreich das Management von Beutegreifern und wie ist unsere Stellung im europäischen Vergleich?

Kotrschal: Artenschutz und damit auch das Management von Beutegreifern ist in Österreich unterentwickelt, andere Länder sind uns da weit voraus. Wir investieren nach wie vor zu wenig Geld in ordentliches Monitoring und das Wildtier-Management ist oft unzureichend. Zahlreiche anhängige EU-Klagen wegen Verstößen gegen Natura 2000 Gebieten verdeutlicht das. Österreich verfügt auch leider über keine einzige auf den Wolf spezialisierte NGO, wie in Italien, wo der Wolfschutz besser funktioniert.

Österreich ist zudem Spitzenreiter in der Wildtier-Kriminalität. Vermutlich haben wir eine der höchsten Verbrechensraten von ganz Europa. Hohe illegale Abschussraten sind auch der Grund, warum die Rudelbildung in Österreich so spät begonnen hat. Alle Täter:innen in Österreich hatten zudem Jagdscheine. Glücklicherweise gibt es auch Jäger:innen, die den ökologischen Wert des Wolfs erkannt haben, und sich über seine Anwesenheit in ihren Revieren freuen.

Was müsste sich in Österreich verbessern, um den Wolfkonflikt zu entschärfen?

Kotrschal: Vieles. Vor allem müssen wir dringend mehr Wildbiologinnen und Wildbiologen fördern, die dann die Kompetenzen für ein fachgerechtes und unabhängiges Monitoring haben. Ansonsten bestehen weiterhin zahlreiche Interessenskonflikte und Unvereinbarkeiten. Das Österreichzentrum Bär Wolf Luchs, das eine konfliktarme Koexistenz zwischen Mensch und Natur ermöglichen soll, ist unterbesetzt und das Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Wiener BOKU ist leider nicht ausreichend unabhängig.

Außerdem ist die Entschädigung für gerissene Tiere ohne Herdenschutz ein Irrweg. Es sollten (wie in manchen deutschen Bundesländern) nur Halter:innen entschädigt werden, die fachlich korrekten und für ihre Situation angepassten Herdenschutz betreiben. Jene, die es nicht tun, könnten auf Basis des Österreichischen Tierschutz-Gesetzes angezeigt werden, weil sie die Verpflichtung, ihre domestizierten Tiere gegen Gefahr zu schützen, konsequent versäumen. Das gilt vor allem für die Verluste im Tal. Hier sollte die Empörung nicht den Wolf, sondern die Halter:innen treffen.


ao. Univ.-Prof. i.R. Mag. Dr. Kurt Kotrschal gehört zu den weltweit renommiertesten Verhaltensforschern. Er ist emeritierter Professor an der Universität Wien, war Nachfolger von Konrad Lorenz am gleichnamigen Forschungsinstitut und Mitbegründer des Wolf Science Center Ernstbrunn. Fast zwei Jahrzehnte erforscht er bereits das Wesen von Wölfen und Hunden und ihre Beziehung zu uns Menschen.
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