Kuhmilch – Überproduziert und subventioniert

Die Lage der österreichischen Milchwirtschaft ist angespannt. Zum einen ist sie der finanziell bedeutendste Landwirtschaftssektor in Österreich [1, 2]. Zum anderen sichern nur staatliche Subventionierungen das Überleben der meisten Landwirtinnen und Landwirte. Was das alles mit Afrika zu tun hat und mehr, erfahren Sie hier!

Auf einen Blick:

  • In Österreich wird fast doppelt so viel Milch produziert wie konsumiert
  • Trotz globalem Milchboom verschwanden in nicht einmal zwei Jahrzehnten über die Hälfte aller unsere Milchbetriebe
  • Milch wird weiter mit Steuergeldern subventioniert, obwohl dadurch weder das Hofsterben noch das Tierleid der Industriellen Milchwirtschaft aufgehalten werden

Hoher Selbstversorgungsgrad befeuert die Intensivierung der Milchwirtschaft

Österreichs Selbstversorgungsgrad mit Kuhmilch liegt aktuell bei fast 180 % [3]. Das bedeutet Österreich produziert fast doppelt so viel Milch, wie hierzulande konsumiert wird. Landwirtinnen und Landwirte sind dadurch auf Exporte angewiesen und müssen ihre Produkte im internationalen Wettbewerb anbieten. Mehr Tiere pro Betrieb sowie eine höhere Milchleistung pro Kuh drücken die Produktionskosten und erhöhen damit den Anteil, der Landwirtinnen und Landwirte für ihre Milch bleibt [4].

Aber eine Intensivierung der Landwirtschaft bringt große Probleme mit sich. Milchkühe müssen beispielsweise jährlich Kälber gebären, leiden häufig an schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen und werden bereits nach wenigen Jahren frühzeitig geschlachtet (Lesen sie HIER mehr über das typische Leben einer Milchkuh!). Umwelt und Klima ächzten unter dem hohen Flächen- und Wasserverbrauch, den großen Fäkalienmengen und den Treibhausgasen während der Futterverdauung [5].

Der traurige Trend hin zur intensivierten Milchwirtschaft ist leider auch in Österreich zu beobachten: 2005 besaßen nur 250 Betriebe 50 Milchkühe oder mehr [6]. Heute hat sich diese Zahl auf über 1.700 Betriebe versiebenfacht! Etwa ein Viertel der gesamten österreichischen Milchproduktion stammt bereits aus Großbetrieben [4]. Gleichzeitig wurde 2021 über 3,8 Mio. Tonnen Rohmilch produziert, auch hier Tendenz steigend. Pro Kuh sind das jährlich über 7.200 Kg Milch. Zum Vergleich: Anfang der 2000er produzierte jede Milchkuh jährlich nur etwa 5.500 Kg Milch [7], also fast 25 % weniger.

Unsere Überproduktion schadet Menschen weltweit

Doch Überproduktion ist nicht nur ein österreichisches Problem, in der gesamten EU wird mehr Milch produziert als konsumiert. Ab 2003 wurde zudem begonnen den Fokus der europäischen Gemeinsamen Agrarpolitk (GAP) auf internationalen Wettbewerb auszurichten. Durch die ständige Konkurrenz mit globalen Milchproduzenten werden die europäischen Preise gedrückt und der Teufelskreis hin zur Industrialisierung der Milchwirtschaft weiter angeheizt [8].

Um überschüssige Milch vom Markt zu nehmen und den Milchpreis zu stabilisieren, kaufte die EU 2014 über 400.000 Tonnen Milchpulver. Ein Großteil dieses Milchpulvers wurde dann zu Schleuderpreisen nach Afrika verkauft. In Ländern wie Burkina Faso bot man in Supermarktregalen regionale Milch für 91 Cent pro Liter neben europäischer Milch für 34 Cent pro Liter an. Heute wissen wir, dass diese europäischen Maßnahmen der afrikanischen Landwirtschaft und Entwicklung anhaltend geschadet haben, während das Problem der Überproduktion in Europa nicht gelöst wurde [9].

Trotzdem drängen große Agrarverbände weiter auf ausländische Märkte und versuchen neue Zielgruppen in Kulturkreisen zu erschließen, die zuvor kaum Interesse an Milch gehabt haben. Bei der chinesischen Bevölkerung wurde Milch zum Beispiel gezielt als westliches Luxusprodukt vermarktet – mit Erfolg. Dass China aber bald auf eigene Milchproduktion statt europäischer Importe setzen würde, hat die Hoffnung vieler Landwirtinnen und Landwirte auf gute Absatzmärkte für überproduzierte Milch trotzdem enttäuscht [10].

Hofsterben trotz Milchboom und Subventionen

Zurück zu Österreich, hier ist die Milchwirtschaft der bedeutendste landwirtschaftliche Sektor und generiert fast 18 % des landwirtschaftlichen Produktionswerts [1, 11]. Der Einzelhandel sowie Molkereien und großen Milchverbänden, die global mit unserer billig produzierten Milch handeln, erzielen hohe Gewinne.

Doch für Landwirtinnen und Landwirte ist das Geschäft mit der Milch mager. In Österreich gibt es mittlerweile keine Betriebe mehr, die allein durch den Gewinn ihrer Milch überleben könnten. Während die Milchwirtschaft international boomt, hat die zunehmend aussichtslosere Lage bei den Landwirtinnen und Landwirten dazu geführt, dass jährlich im Schnitt über 1.000 österreichische Betriebe für immer schließen [12]. In nicht einmal zwei Jahrzehnten verschwanden über die Hälfte aller unsere Milchbetriebe, die meisten davon Kleinbetriebe [13, 14].

Der Großteil der österreichischen Landwirtschaft inklusive der Milchwirtschaft wird deshalb bereits durch Bunde-, Landes- und EU-Mittel subventioniert. 2022 betrug Österreichs Agrar-Budget über 2,4 Mrd Euro [2]. Subventionen machen heute im Schnitt zwei Drittel des Gehalts aller Landwirtinnen und Landwirte aus [15, 16] und sichern damit das knappe Überleben. Doch feststeht, dass auch die starken Subventionierungen den aktuellen Rückgang der Betriebe und die gleichzeitige Überproduktion an Milch nicht verhindern können [12].

Subventionierungen stoppen anhaltendes Hofsterben nicht

Von politischer Seite wird nach Lösungen gesucht. Vertreter:innen der Agrarlobby pochen hingegen darauf, vor allem ihre Interessen nach einem niedrigen und damit global wettbewerbsfähigen Milchpreis sowie einer konstanten Überproduktion durchzudrücken [10]. Mit 2023 begann eine neue Periode der Gemeinsamen Agrargpolitik (GAP) der EU, wo unter anderem auch die Anzahl und Art der Subventionen neuverhandelt wurden.

Auch Österreich hat seinen GAP-Strategieplan vorgestellt und betont, dass unter anderem Nachhaltigkeit, biologische Anbauweisen und Tierwohl mehr gefördert werden müssen. Doch gleich darauf hat die EU den geplanten Strategieplan mit über 250 Anmerkungen und einem 32-seitigem Schreiben wegen Mängel abgewiesen [17]. Mittlerweile konnte eine Einigung erzielt werden, wobei abzuwarten bleibt, ob dem Höfesterben und der zunehmenden Industrialisierung der Milchwirtschaft mit dem neuen Strategieplan tatsächlich Einhalt geboten werden kann. In drei Jahren soll es eine Zwischenbilanz geben, doch schon jetzt sind sich NGOs sowie viele Landwirtinnen und Landwirte einig, dass in Zukunft noch weit nachgebessert werden muss, um aktuelle Probleme der europäischen Landwirtschaft tatsächlich dauerhaft zu lösen [16].

Fazit:

Konventionelle Milchwirtschaft bedeutet kein idyllisches Miteinander von Tier und Mensch. Das Geschäft mit der Milch ist knallhart und zwingt Landwirtinnen- und Landwirte dazu, immer intensiver zu produzieren, während Tierwohl, Klima und Umwelt auf der Strecke bleiben. Ob und wie Österreich diesen globalen Trends die Stirn bieten will, bleibt abzuwarten.

Fest steht, dass wir in Österreich dringend ein einheitliches Herkunfts- UND Haltungssiegel brauchen, damit Konsumentinnen und Konsumenten wissen, wie das Leben unserer Nutztiere tatsächlich aussieht.

Für einen genauen Überblick über die Haltungsbedingungen hinter aktuellen Siegeln lohnt sich ein Blick in den Milch-Ratgeber der Tierschutz-Ombudsstelle Wien: HIER!

[1] Bundesministerium Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserkraft.  Milchwirtschaft in Österreich. https://info.bml.gv.at/themen/landwirtschaft/landwirtschaft-in-oesterreich/tierische-produktion/milch/milchwirtschaft.html (aufgerufen: 04.2023)

[2] Bundesministerium Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft. 31.08.2022. Grüner Bericht 2022.

[3] Statista. Selbstversorgungsgrad bei Konsummilch in Österreich bis 2021. 13.09.2022. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/596438/umfrage/selbstversorgungsgrad-bei-rohmilch-in-oesterreich/ (aufgerufen: 04.2023)

[4] Rinderzucht Austria. Strukturwandel – Milchviehbetriebe wachsen rasant. 17.05.2022. https://www.rinderzucht.at/nachricht/20220517-strukturwandel-milchviehbetriebe-wachsen-rasant.html (aufgerufen: 04.2023)

[5] Öko-Institut (DE). Antony F, Teufel J, Liu R, Bieler C, Sutter D, Spescha G, Hartmann W, Schroers J. 12.2020.Sichtbarmachung versteckter Umweltkosten der Landwirtschaft am Beispiel von Milchproduktionssystemen.

[6] Bundesministerium Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft. 09.09.2009. Grüner Bericht 2005.

[7] Rinderzucht Austria. Kalcher L. Milchleistungsprüfung 2022. 02.12.2022.  https://www.rinderzucht.at/nachricht/20221202-milchleistungspruefung-2022.html (aufgerufen: 04.2023)

[8] Salhofer K. 2017. Entwicklungen auf dem Milchmarkt.

[9] Globale Verantwortung – Arbeitsgemeinschaft für Entwicklung und Humanitäre Hilfe. 2017. Die Unfaire Milch – Agrar- und Entwichlungspolitik im Widerspruch? (aktualisiert 02.2018)

[10] Pichler A. Das System Milch (Film). 2017.

[11] Statista.  Produktionswert der Landwirtschaft in Österreich nach Segmenten 2022. 24.02.2023. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/471953/umfrage/produktionswert-der-landwirtschaft-in-oesterreich-nach-segmenten/?locale=de (aufgerufen: 04.2023)

[12] Salzburger Nachrichten. Steckt die Landwirtschaft in der Krise. 10.02.2022. https://www.sn.at/salzburg/chronik/steckt-die-landwirtschaft-in-der-krise–116739634 (aufgerufen: 04.2023)

[13] Machold I, Groier M. 2020. Landwirtschaftliche Kleinbetriebe in Österreich zwischen Nachhaltigkeit und Globalisierung.

[14] Statista.  Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe und Bio-Betriebe in Österreich 2021. 07.11.2022. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/441302/umfrage/gesamtzahl-der-landwirtschaftlichen-betriebe-und-der-bio-betriebe-in-oesterreich/ (aufgerufen: 04.2023)

[15] Land schafft Leben. Warum und in welchem Ausmaß Bauern Förderungen bekommen. 05.2018 (aktualisiert 07.2021). https://www.landschafftleben.at/hintergruende/foerderungen (aufgerufen: 01.2023)

[16] Der Standard. Prager A, Koch F. EU-Agrarförderung landet zu 80 Prozent bei Großbetrieben. 01.12.2022. https://www.derstandard.at/story/2000141407401/eu-agrarfoerderung-landet-zu-80-prozent-bei-grossbetrieben (aufgerufen: 04.2023)

[17] Salzburger Nachrichten. Brüssel kritisiert heimischen Agrar-Strategieplan. 03.04.2022. https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/bruessel-kritisiert-heimischen-agrar-strategieplan-119371993 (aufgerufen: 04.2023)

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