Brauchtum und Tierschutz – (k)ein Widerspruch!

Augen auf beim Eierkauf

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Fiakerpferde brauchen auch einen neuen Kompromiss

Auch die Fiakerpferde in Wien sind eine Tradition, die immer wieder heftig diskutiert wird. Die BefürworterInnen sehen in ihnen einen wesentlichen Bestandteil des Stadtbilds. Doch gerade bei Hitze leiden die Tiere enorm. Ebenso ist der Lärm der Innenstadt und der hektische Personen- und Autoverkehr nicht artgemäß für die sensiblen Pferde. Ähnlich wie bei dem “Ziegensprung”, benötigt es auch hier einen Kompromiss, um die Kutschen-Tradition zu bewahren, aber dennoch Tierwohl zu garantieren. Tierschutz Austria hat deswegen eine Petition gestartet, die ein Fahrverbot ab 30 Grad sowie eine generelle Verlegung von Fiaker-Strecken fern der Wiener Innenstadt, fordert. So kann die Kultur der Fiaker erhalten bleiben und gleichzeitig Tierleid deutlich reduziert werden.

Petition

Brauchtum und Tierschutz – (k)ein Widerspruch!

Tierquälerei und Brauchtum? Viele denken an Stierkämpfe in Spanien oder Fiakerpferde in Wien und an die aufgeladenen Debatten, die darüber geführt werden. Leider sind die Fronten oft derartig verhärtet, dass Lösungen durch beidseitige Kompromisse zunehmend unwahrscheinlicher werden. Dabei spricht nichts dagegen, Traditionen hochzuhalten und gleichermaßen Tierwohl zu garantieren.

Wer bestimmt was Brauchtum ist?

Zuständig für die offizielle Anerkennung von Bräuchen als immaterielles Gut einer Gesellschaft ist das Welterbekomitee der UNESCO. Dieses spricht sich ausdrücklich gegen Praktiken aus, die gegen die Menschenrechte verstoßen [1] und nimmt deshalb vornehmlich Bräuche in die Liste des Weltkultur- und Naturerbes der Menschheit auf, die wenig Konfliktpotential beinhalten. Was dabei selbstverständlich klingt, ist oft voller Tücken, denn nicht selten geraten alte Traditionen mit der Moral der modernen Welt in Konflikt. Die Heiligen Drei Könige und Blackfaceing? Der Krampuslauf als reine Männersache? Bei anderen Bräuchen haben wir als Gesellschaft bereits eine eindeutige Entscheidung getroffen. Es würde zum Beispiel niemand von der UNESCO fordern, Genitalverstümmelung künftig als Weltkulturerbe anzuerkennen [2].

Anders sieht es leider bei Bräuchen mit Tieren aus. Erst kürzlich wurde etwa die Anerkennung der Brief- und Renntauben als Weltkulturerbe veranlasst [3]. Während der offensichtlich blutige und deshalb leichter als Tierquälerei erkennbare Stierkampf wohl hoffentlich nie Weltkultur werden wird, hat das Tierleid von getrennten Partnertauben, die bis zur vollkommenen Erschöpfung fliegen, nicht ausgereicht, um sie vor einem Status als schützenswertes Brauchtum zu bewahren. Wie aber lassen sich nun Tier- und Menschwohl bei modernem Brauchtum durchsetzen, ohne, dass der kulturelle Kern einer Tradition verloren geht?

Das ewige Problem der Verbote

Verbote sind meist die schnellste Art, Veränderung zu bewirken und werden deshalb primär gefordert, um tierquälerische Praktiken zu beenden. Problematisch kann dabei sein, dass von höheren Instanzen verordnete Verbote von der Bevölkerung als aufgezwungen erlebt und deshalb abgelehnt werden. Nicht selten verhärten sich die Fronten und erschweren eine fachlich geführte Diskussion [4]. Glücklicherweise existieren aber auch hier Gegenbeispiele, die zeigen, dass Lösungen gefunden und auch hitzige Debatten wieder abgekühlt werden können.

Besonders eindrücklich wurde das im spanischen Dorf Manganeses de la Polvorosa gezeigt. Im Jahr 2000 hat der dortige Bürgermeister, auf Druck verschiedener Tierschutzorganisationen, den traditionellen Ziegensprung verboten. Zuvor wurde jährlich eine lebende Ziege vom Kirchturm gestoßen und mit einem Sprungtuch, begleitet von lautem Jubel der Bevölkerung, aufgefangen. Proteste gegen das einschneidende Verbot flammten unmittelbar nach dessen Umsetzung auf und gipfelten in mehreren erfolglosen Versuchen, trotz Androhung von Strafe, eine lebende Ziege vom Kirchturm zu werfen [5]. Mehrere Gesprächsrunden zwischen TierschützerInnen, der Regierung und BefürworterInnen des Ziegensprungs folgten. Schließlich wurde ein tierfreundlicher Kompromiss gefunden. Die Feierlichkeit wird beibehalten, doch anstelle der lebenden Ziege „springt“ nun eine Puppe vom Kirchturm [6] [Video der Veranstaltung hier:], wodurch sich nun auch TierschützerInnen an dem Spektakel unbesorgt erfreuen können.

Brauchtum heißt Veränderung

Die reibungslosesten Veränderungen werden direkt von der Bevölkerung oder den Brauchtumszünften selbst initiiert. Wie der Kulturwissenschaftler Konrad Kuhn von der Universität Basel erklärte, sind Veränderungen in keiner Weise ein Wiederspruch zum Geist von Kultur und Brauchtum. Bräuche verändern sich seit jeher ebenso flüssig, wie die Gesellschaft in der sie hochgehalten werden. Das sei wichtig, denn nur so können sie relevant und am Leben bleiben. Brauchtum heißt folglich auch Veränderung [2] und steht einer Modernisierung für mehr Tierwohl also nicht im Weg.

Dass Tierquälerei ebenso wenig zeitgemäß wie Rassismus oder Sexismus ist, wird mittlerweile vom Großteil der Bevölkerung unterstützt [7]. Dennoch hinken Anpassungen oft dem Zeitgeist hinterher. Gerade in turbulenten Zeiten sehnen sich Menschen nach Stabilität und alte Bräuche werden bereitwillig wiederbelebt. Deren zeitgemäße Anpassung wird dann allerdings misstrauisch beobachtet, aus Sorge etwas der wiedergefundenen Tradition erneut zu verlieren [2]. Kompromissfindung muss dennoch an erster Stelle stehen. Dass die Mehrheit der Gesellschaft heute Tierwohlbestrebungen unterstützt, ist vielversprechend, um kompromissorientierte Lösungsfindungen in derartigen Belangen deutlich zu beschleunigen.

Oft helfen bereits kleine Anpassungen, um das Risiko für Tiere und Natur erheblich zu reduzieren. Osterfeuer werden häufig zu lodernden Todesfallen für kleine Nager, Amphibien, Reptilien und Insekten, die sich im aufgeschichteten Totholz versteckt halten. Durch die Verwendung einer Feuerschüssel oder ein gründliches Umschichten des Brennmaterials kurz vor dem Anzünden werden auch scheue Tiere aus ihrem Versteck getrieben und damit vor einem Feuertod bewahrt.

Quellen:

[1] Österreichische UNESCO Kommission. https://www.unesco.at/ueber-uns (aufgerufen: 05.2022)

[2] Tagesanzeiger. Hesse David. Wüstes Brauchtum. https://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/wuestes-brauchtum/story/11436912 (aufgerufen: 05.2022)

[3] ZEIT ONLINE. Fünf neue Einträge als Immaterielles Kulturerbe in Deutschland. 09.03.2022. https://www.zeit.de/kultur/2022-03/immatrielles-kulturerbe-deutschland-unesco-apfelwein-brieftauben-pferdezucht (aufgerufen: 05.2022)

[4] The Inquisive Mind. Sischka Philipp, Décieux Jean Philippe, Neufang Kristina Marliese & Mergener Alexandra. Der Reaktanzeffekt oder: Warum Gesundheitskampagnen scheitern können. 2016. https://de.in-mind.org/article/der-reaktanzeffekt-oder-warum-gesundheitskampagnen-scheitern-koennen?page=3 (aufgerufen: 05.2022)

[5] The Guardian. Turner Kernan. Fiesta ’spoiled‘ as villagers barred from tossing goat. 24.01.2000. https://www.theguardian.com/world/2000/jan/24/2 ).

[6] Interbenavente.es. Y una cabra saltó desde el campanario en Manganeses de la Polvorosa. https://interbenavente.es/art/6140/y_una_cabra_salto_desde_el_campanario_en_manganeses_de_la_polvorosa (aufgerufen: 05.2022)

[7] GALLUP. Meinungsumfrage: Lebensmittelkennzeichnung Tierhaltung. 2021. Download: https://www.tierschutz-austria.at/wp-content/uploads/2021/03/Umfrage_Tierschutz-Austria_Lebensmittelkennzeichnung-Tierhaltung_KEY_FACTS.pdf

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