Die Dunkelziffer der Tierversuche: ein Blick hinter die Statistiken

Weltweit steigt die Zahl der Tierversuche. Obwohl die EU Tierversuche durch Alternativen ersetzen will, steigen in Österreich die Zahlen. Wofür die meisten Tierversuche durchgeführt werden und warum viele Labortiere sterben, ohne je zum Einsatz zu kommen – HIER!

Auf einen Blick

  • Weltweit werden jährlich fast 80 Mio. Tierversuche durchgeführt
  • Die EU will Tierversuche beenden, doch davon sind wir noch weit entfernt
  • Die meisten Labortiere werden getötet, ohne jemals eingesetzt worden zu sein
  • Alternativen sind oft effektiver

Weltweite Tierversuche steigen rasant, aber Intransparenz bleibt

Weltweit werden immer mehr Tiere für Versuche verwendet. Da Intransparenz immer noch ein großes Problem ist, haben Wissenschaftler:innen verschiedenste Berichte, öffentliche Statistiken und Studien analysiert, um eine Schätzung über die globale Anzahl der Versuche abgeben zu können: Für das Jahr 2015 wurden vermutlich mindestens 79,9 Millionen Tiere für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt – 37 % mehr als noch 10 Jahre zuvor. Millionen Mäuse, Ratten und Zebrafische, aber auch über 207.000 Hunde und fast 160.000 Primaten waren demnach im Einsatz [1].

Die Europäische Union hat es sich zwar zum Ziel gesetzt, Tierversuche sukzessive durch Alternativen zu ersetzen, doch von einem tierversuchsfreien Europa sind wir noch weit entfernt. Seit der EU-Tierversuchsrichtlinie von 2010 veröffentlicht die EU regelmäßige öffentliche Übersichtsberichte [2]: Selbst im Coronajahr 2020 wurden fast 8 Mio. Tiere eingesetzt – nur 7,5 % weniger als im Vorjahr. Während die Zahlen in manchen EU-Staaten tatsächlich leicht rückläufig sind [3], bleiben sie anderorts hoch oder steigen sogar. In Österreich wurden 2021 rund 218.000 Tiere eingesetzt. Das sind fast 9 % mehr, also noch im Jahr zuvor [4].

Tierversuche sind nicht nur Tiere für Versuche

Heute gilt: Als Tierversuch wird jegliche Verwendung von Tieren zu Versuchs-, Ausbildungs- oder anderen wissenschaftlichen Zwecken definiert, die bei den Tieren Schmerzen, Leiden, Ängste oder dauerhafte Schäden verursachen kann. Als Tierversuch zählt aber auch, wenn Tiere für die Zucht weiterer, teils genetisch veränderter Labortiere vorgesehen sind, oder wenn Tiere zwar geboren, aber letztlich doch nicht für Versuche eingesetzt werden [5].

Wiederholte Anpassungen von Definitionen und der zu erhebenden Daten erschwerten bisher auch in Europa, die Entwicklung von Tierversuchen präzise zu analysieren. Obwohl die EU seit Jahren eine Dokumentation verlangt, sind die Informationen aus den einzelnen Mitgliedsstaaten oft nur vage vergleichbar [1]. Immerhin wurde seit kurzem eine Onlinedatenbank gestartet, die die Zahlen vereinheitlicht und ab Ende 2023 auch auf Länderebene abrufbar machen soll [6].

Die meisten Tierversuche entstammen der Wissenschaft. In Österreich geschehen fast 90 % der Tierversuche für Grundlagen- und translationale Forschung [4]. Grundlagenforschung generiert Wissen, das oft zwar nicht unmittelbar angewendet werden kann, aber das Fundament für weitere Forschung und Entwicklung legt. Translationale Forschung versucht, dieses Wissen dann für die Praxis anwendbar zu machen. Beides ist unverzichtbar.

Doch auch Wissenschaftler:innen kritisieren seit Jahren, dass dabei zu sehr auf Tierversuche gesetzt wird, während wenig beachtete Alternativen oft deutlich bessere Ergebnisse liefern könnten [7]. Verschiedene Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf dieselben Stoffe. Alter, Geschlecht, Gewicht, Genetik und Lebensumstände etc. haben maßgeblichen Einfluss, ob und wie Wirkstoffe vertragen werden. Trotzdem sollen Labortiere als Modellsysteme für unsere vielfältige Bevölkerung dienen [8].

Das ist ein großes Problem. Seit Jahrzehnten scheitern über 92 % aller potenziellen Medikamente, die in Tierversuchen erfolgreich getestet worden sind, letztlich beim Einsatz an uns. Meist sind die Stoffe für Menschen wirkungslos oder deutlich toxischer als angenommen. Umgekehrt bleiben potenzielle Medikamente unentdeckt, die keine Wirkung bei Tieren zeigen, bei uns aber durchaus effektiv sein könnten [8].

In unserem eigenen Interesse ist die individuelle Medizin, wo Medikamente und Behandlungen auf einzelne Personen angepasst werden können, daher der Weg der Zukunft. Aus menschlichen Zellen werden beispielsweise schon heute nicht nur Zellkulturen, sondern auch dreidimensionale Miniorgane gezüchtet, die für viele Anwendungsfelder deutlich genauere Ergebnisse liefern als Tierversuche. Organ-on-Chips-Systeme simulieren sogar die Interaktion mehrerer Organe in einem Körperkreislauf, ohne dabei Mensch oder Tier zu schaden. Auch Computersimulationen und KI machen bereits heute deutlich präzisere Vorhersagen als viele herkömmliche Tierversuche [9].

Mehr Überschusstiere als Versuchstiere

Kaum bekannt ist , dass weit mehr Labortiere als ungenutzte Nebenprodukte von Tierversuchen sterben, als für die Versuche selbst. Diese sogenannten Überschusstiere wurden lange in keinen Tierversuchsstatistiken erfasst, geschweige denn öffentlich dokumentiert. Die Datenlage dazu ist entsprechend rar. Schätzungen gehen aber davon aus, dass weltweit mehr als doppelt so viele Tiere getötet, als tatsächlich eingesetzt werden [1].

Durch die EU-Tierversuchsrichtlinie von 2010 müssen zumindest auf EU-Ebene nun auch Zahlen zu Überschusstieren erhoben werden. 2017 wurden demnach fast 12,6 Mio. Tiere getötet. Das ist über ein Drittel mehr als für Versuche herangezogen worden waren [10].

Überschusstiere sind unvermeidbar

Überschusstiere sind bei Tierversuchen unvermeidbar: Um reinerbige Nachkommen mit bestimmten Merkmalen zu züchten, müssen mindestens drei vorläufige Generationen miteinander verpaart werden. Auch aus organisatorischen Gründen, oder um spezielle Zuchtlinien zu erhalten, werden weit mehr Tiere geboren, als schließlich verwendet [11]. Über die Hälfte der getöteten Überschusstiere der EU dienen dabei aber weder dem Erhalt einer Linie, noch der Zucht neuer Merkmale. Sie müssen aus anderen Gründen sterben, etwa wegen ihres Geschlechts, denn für Experimente werden oft nur Männchen gewünscht [10]

Aus Kosten- und Platzgründen töten Zuchtbetriebe Überschusstiere meist, anstatt sie zu vermitteln. Vor allem engagierte Privatpersonen und NGOs organisieren zwar Vermittlungen und geben damit zumindest ein paar Tieren die Chance auf ein Leben nach dem Labor – auch wir im Tierschutzhaus nehmen regelmäßig ehemalige Labortiere auf. Doch bis dahin leben die Tiere in einer reizarmen Laborumgebung, die ihr Immunsystem schwächt und eine Sozialisation erschwert. Viele Zuchtlinien sind zudem Qualzuchten, deren Merkmale eigens angezüchtet wurden, um Krankheiten nachzubilden. Auch sie können oder dürfen meist nicht vermittelt werden [11], [12]. 

Fazit:

Weltweit steigt die Zahl der Tierversuche. Überschusstiere und schlechte Übertragbarkeit auf uns Menschen machen Tierversuche dadurch in vielen Feldern nicht nur ethisch bedenklich. Durch moderne Methoden, die zum Beispiel auf menschliche Zellen setzen, werden Tierversuche zunehmend überflüssig.

Sie wollen unseren ehemaligen Labor- und Nutztieren helfen?

Die meisten „Nutztiere“ werden in ein System hineingeboren, das keinen Platz mehr hat, wenn sie ihren „Nutzen“ für uns Menschen verlieren. Unterstützen Sie uns bei der Rettung und Versorgung dieser Tiere und ermöglichen Sie ihnen damit eine artgerechtes Leben in Würde.

Zum Spendenprojekt!

[1]        K. Taylor und L. R. Alvarez, „An Estimate of the Number of Animals Used for Scientific Purposes Worldwide in 2015“, ATLA Alternatives to Laboratory Animals, Bd. 47, Nr. 5–6, S. 196–213, Nov. 2019, doi: 10.1177/0261192919899853.

[2]        Europäische Kommission, „Animals in science“. https://environment.ec.europa.eu/topics/chemicals/animals-science_en (zugegriffen 7. September 2023).

[3]        Europäische Kommission, „Summary Report on the statistics on the use of animals for scientific purposes in the Member States of the European Union and Norway in 2020 (1/2)“, 2023.

[4]        Bundesministerium für Bildung Wissenschaft und Forschung (BMBWF), „Tierversuchsstatistik 2021“, 2022.

[5]        RIS.at, „Bundesgesetz über Versuche an lebenden Tieren (Tierversuchsgesetz 2012 – TVG 2012) (Fassung vom 10.08.2023)“, 2012.

[6]        Europäische Kommission, „Statistics and non-technical project summaries“. https://environment.ec.europa.eu/topics/chemicals/animals-science/statistics-and-non-technical-project-summaries_en (zugegriffen 7. September 2023).

[7]        K. Herrmann und K. Jayne, Animal Experimentation: Working Towards a Paradigm Change. 2019.

[8]        L. J. Marshall, J. Bailey, M. Cassotta, K. Herrmann, und F. Pistollato, „Poor Translatability of Biomedical Research Using Animals — A Narrative Review“, Alternatives to Laboratory Animals, Bd. 51, Nr. 2. SAGE Publications Inc., S. 102–135, 1. März 2023. doi: 10.1177/02611929231157756.

[9]        M. Balls, „Alternatives to Laboratory Animals: Trends in Replacement and the Three Rs“, Alternatives to Laboratory Animals, Bd. 50, Nr. 1, S. 10–26, Jän. 2022, doi: 10.1177/02611929221082250.

[10]      Europäische Kommission, „BERICHT DER KOMMISSION AN DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT UND DEN RAT über die Durchführung der Richtlinie 2010/63/EU zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union“, Feb. 2020.

[11]      Forum Tierversuche in der Forschung und J. Schilling, „Die Tötung von Versuchstieren und von Tieren aus Versuchstierzuchten“, 2014. [Online]. Verfügbar unter: www.tierversuche-in-der-forschung.org

[12]      H. Wewetzer, T. Wagenknecht, B. Bert, und G. Schönfelder, „The fate of surplus laboratory animals Minimizing the production of surplus animals has greatest potential to reduce the number of laboratory animals“, doi: 10.15252/embr.202256551.

Das könnte Sie auch interessieren

Leiden per Gesetz muss aufhören

Eine schwammige Formulierung im Gesetzestext, die massives Tierleid verursacht: Eigentlich müssen in Österreich laut Tierschutzgesetz alle Katzen, die Freigang haben, kastriert werden – die so genannte Kastrationspflicht. Eine Ausnahme gibt es für Zuchttiere.

Eva Persy im Interview: Tierschutzombudsstelle = tierisch wichtig

Wir haben Wiens Tierschutzombudsfrau, Dipl.-Ing.in Eva Persy MSc MBA, gefragt, was ihre Arbeit so wichtig macht, welche Herausforderungen und Erfolge sie für den Tierschutz in Österreich sieht und wie wir alle gemeinsam noch mehr erreichen können.

Zum Newsletter anmelden Newsletter schließen