STUDIE: Tierfreie Alternativen werden benachteiligt

Tierische Lebensmittel werden bei aktuellen Gesetzen und staatlichen Subventionen bevorzugt. Warum noch immer zu viel Geld in Milch, Fleisch und Co. fließt, welche Alternativen es gibt und wie wir dadurch Klima und Umwelt schützen – HIER!

Auf einen Blick

  • Die Nutztierhaltung stößt mehr Treibhausgase aus als die gesamte Automobilindustrie.
  • Staatliche Regelungen und Finanzierungen benachteiligen die Entwicklung und Vermarktung tierfreier Alternativen.
  • Maximal ein- bis zweimal die Woche Fleisch zu essen, ist verträglich für Umwelt und Gesundheit

Tierische Lebensmittel werden durch Gesetze und staatliche Finanzierungen bevorzugt

Circa 14,5 % unserer globalen Treibhausgase stammen aus der Nutztierhaltung [1]. Das ist mehr als von der gesamten globalen Automobilindustrie ausgestoßen wird (ca. 9 %) [2]. Wissenschaftler:innen weisen deshalb seit Jahrzehnten mit Nachdruck darauf hin, dass sich die Menschheit mit ihrem Überkonsum tierischer Lebensmittel die eigenen Lebensbedingungen zerstört. Trotzdem wächst der weltweite Konsum von Fleisch, Milch, Eiern und Co. [3].

Um einen Wandel in der aktuellen Ernährung zu schaffen, braucht es dringend politische Maßnahmen. Das beinhaltet finanzielle Unterstützung für die Entwicklung tierfreier Alternativen, einheitliche Zulassungsverfahren und faire Regelungen bei der Vermarktung. In der EU und USA können tierfreie Alternativen mittlerweile seit über 40 Jahren gekauft werden, trotzdem boomen sie erst innerhalb der letzten Jahre. Wissenschaftler:innen haben deshalb untersucht, ob die tierische Lebensmittelindustrie finanzielle und gesetzliche Vorteile genießt [4].

1.200-mal mehr öffentliche Gelder für tierische Lebensmittel

Die Ergebnisse waren eindeutig: In der EU flossen zwischen den Jahren 2014 und 2020 jährlich 1.200-mal mehr öffentliche Gelder in den tierischen Sektor als in tierfreie Alternativen. Während tierische Lebensmittel mit jährlich fast 32 Mrd. Euro subventioniert wurden, bekamen tierfreie Alternativen gerade einmal 29 Mio. Gerade für kleine Unternehmen ist eine staatliche Unterstützung meist unerlässlich, um Pilotversuche zu finanzieren, Herstellungsmengen zu vergrößern und Prozesse zu optimieren, bis eigenständig Gewinne erzielt werden können [4].

Hersteller fleischloser Produkte können großen tierischen Konzernen auch bei der Lobbyarbeit nicht die Stirn bieten. Selbst wenn neben den Ausgaben von Handelsfirmen noch Kampagnengelder von NGOs miteingerechnet werden, geben Hersteller tierischer Produkte dreimal mehr Geld für Lobbyarbeit aus. Ziel der tierischen Konzerne ist es unter anderem Einfluss auf Gesetzesverfahren zu nehmen und dadurch die Zulassung und den Verkauf für tierfreie Alternativen zu erschweren [4].

Bekanntes Beispiel sind Begriffsregulierungen in der Vermarktung. Durch den Druck verschiedener Landwirtschaftsvertreter:innen dürfen Lebensmittelhersteller in der EU ihre Produkte mittlerweile nur als „Milch“, „Joghurt“ oder „Butter“ vermarkten, wenn die Zutaten durch das Melken eines Euters gewonnen worden sind (mehr dazu, warum Hafermilch nicht Milch genannt werden darf, HIER). Angeblich sollen Kundinnen und Kunden damit vor Täuschung bewahrt werden [4]. Tatsächlich geht es natürlich darum, alternative Produkte für Käufer:innen unattraktiver zu machen. Schließlich würde auch niemand auf die Idee kommen, statt Kuh-, Scheuermilch in den morgendlichen Kaffee zu schütten.

Gesunde Ernährung auch mit tierfreien Alternativen möglich

Beständig hält sich auch der Irrglaube, eine gesunde Ernährung sei nur durch tierische Lebensmittel möglich. Vor allem die Milch- und Fleischindustrie finanzieren seit Jahrzehnten aufwendige Werbekampagnen, um die Notwendigkeit tierischer Produkte anzupreisen. Auch in Ländern mit traditionell geringem Verbrauch, wird die Nachfrage und damit der Umsatz der großen Konzerne sukzessive gesteigert. Kernbotschaft ist dabei immer die vermeintlich gesunde fleisch- und/oder milchreiche Ernährung nach westlichem Vorbild [4], [5].

Die aktuelle Studie von Vallone und Lambin konnte zeigen, dass in Folge der zahlreichen Kampagnen vegetarische oder vegane Alternativen leider auch noch immer kaum in offiziellen Ernährungsempfehlungen erwähnt werden. Auf ökologische und klimarelevante Folgen eines hohen Verbrauchs tierischer Lebensmittel wird sogar noch seltener hingewiesen. Dabei ermöglichen es neuartige Technologien, dass fleischlose Steaks, Milchalternativen und Co. aus Soja, Reisprotein, etc. den tierischen Vorbildern nicht nur in ihrem Nährstoffgehalt, sondern auch in Geschmack, Textur und Optik immer ähnlicher werden. Auch zellkultiviertes Fleisch, also tierisches Fleisch, das aus einzelnen Zellen herangezüchtet wird und zu regulären Produkten verarbeitet werden kann, ohne dass Tiere dafür geschlachtet werden müssen, ist auf den Vormarsch [4], [6].

Nutztierhaltung braucht 80 % der Anbauflächen aber liefert nur 18 % der Kalorien

Schon jetzt wird die Nahrungsmittelsicherheit unserer wachsenden Bevölkerung oft diskutiert. Die UN schätzt, dass sofern der Trend zu einer fleischreichen Ernährung anhält, bis 2050 rund 70 % mehr Nahrungsmittel produziert werden müssen als noch im Jahr 2009 [6]. Das ist für Klima und Umwelt dramatisch.

Doch wenn wir unser Ernährungssystem anpassen, können auch deutlich mehr Menschen nachhaltig und gesund auf unserer Erde leben. Für die Erzeugung von Fleisch und Milch werden aktuell über 80 % aller landwirtschaftlichen Anbauflächen genutzt – entweder direkt als Weideflächen oder indirekt für den Futtermittelanbau. Im Gegenzug decken Fleisch und Milch nicht einmal ein Fünftel des globalen Kalorienbedarfs und nur etwa 37 % der benötigten Proteine. Vereinfacht ausgedrückt, würde in einer Welt ohne Fleisch- und Milchprodukte etwa ein Viertel aller aktuell landwirtschaftlich genutzten Flächen für die globale Ernährung ausreichen [7].

Um unsere Ernährung nachhaltig zu machen, ist es dabei nicht notwendig, dass die gesamte Weltbevölkerung plötzlich vegan wird. Es genügt, dass Fleisch und andere tierische Produkte wieder als kulinarische Besonderheiten gelten und nicht als alltägliche Selbstverständlichkeit. Wer einmal wöchentlich auf Fleisch verzichtet, verringert den eigenen Verbrauch beispielsweise um fast 15 %. Bei zwei fleischlosen Tagen sind es schon über 28 % und so weiter.

Planetary Health Diet für eine nachhaltige und gesunde Zukunft

Obwohl der Fleischkonsum in Österreich sinkt, geben immer noch fast 40 % der Österreicher:innen an, mindestens 4-mal die Woche Fleisch oder Wurstwaren zu essen [8]. Hinzu kommen große Mengen Milch, Käse, Eier und andere tierische Erzeugnisse [9]. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt unserer Gesundheit und damit nicht zuletzt den Gesundheitssystemen zuliebe, den Konsum von Fleisch und Milch deutlich zu reduzieren [10].

Um neben gesundheitlichen Aspekten auch auf Umwelt und Klima Rücksicht zu nehmen, haben Wissenschaftler:innen aus Natur- und Ernährungswissenschaften eine sogenannte planetary health diet entwickelt, die auch an die kulturellen Essgewohnheiten und verfügbaren Zutaten individueller Länder angepasst wurde [11]. Für Österreich bedeutet das zum Beispiel, dass ein- bis zweimal die Woche Fleisch zu essen, gesundheitlich und ökologisch vertretbar ist. Zwar liegt für die Umsetzung der planetary health diet noch viel vor uns, doch auch kleine Schritte haben eine große Wirkung.

Fazit:

Klima-, Arten- und Tierschutz ist für einen Großteil der Bevölkerung von großer Bedeutung. Trotzdem legen wir bei unserer Ernährung noch zu viel Wert auf tierische Produkte. Jährlich fließen Unsummen in die Produktion und Vermarktung tierischer Lebensmittel, während tierfreie Alternativen kaum staatlich gefördert werden.

Nicht nur politisch sind also noch viele Weichen zu stellen, es braucht auch ein gesellschaftliches Umdenken, um tierfreie Alternativen für die Bevölkerung attraktiver zu machen. Den eigenen Verbrauch tierischer Produkte ein wenig zu reduzieren, hat dabei schon große Auswirkungen auf Umwelt, Tierwohl und Klima.

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[1]        P. J. Gerber und Food and Agriculture Organization of the United Nations., Tackling climate change through livestock : a global assessment of emissions and mitigation opportunities.

[2]        Greenpeace, „CRASHING THE CLIMATE HOW THE CAR INDUSTRY IS DRIVING THE CLIMATE CRISIS“, 2019.

[3]        IPCC, „CLIMATE CHANGE 2023 Synthesis Report Summary for Policymakers“, 2023, doi: 10.59327/IPCC/AR6-9789291691647.001.

[4]        S. Vallone und E. F. Lambin, „Public policies and vested interests preserve the animal farming status quo at the expense of animal product analogs“, One Earth, Bd. 6, Nr. 9, S. 1213–1226, Sep. 2023, doi: 10.1016/j.oneear.2023.07.013.

[5]        A. Pichler, Das System Milch, (2017).

[6]        X. Xu u. a., „Global greenhouse gas emissions from animal-based foods are twice those of plant-based foods“, Nat Food, Bd. 2, Nr. 9, S. 724–732, Sep. 2021, doi: 10.1038/s43016-021-00358-x.

[7]        J. Poore und T. Nemecek, „Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers“, Science (1979), Bd. 360, Nr. 6392, S. 987–992, Juni 2018, doi: 10.1126/science.aaq0216.

[8]        „Österreich – Häufigkeit Fleischkonsum 2022 | Statista“. Zugegriffen: 3. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1320125/umfrage/umfrage-zur-haeufigkeit-des-fleischkonsums-in-oesterreich/

[9]        „Tierische Produkte: Verbrauch und Selbstversorgungsgrad“. Zugegriffen: 3. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://info.bml.gv.at/themen/lebensmittel/lebensmittel-in-oesterreich/tierische-produkte-verbrauch-und-selbstversorgung.html

[10]      WHO, Red and processed meat in the context of health and the environment: many shades of red and green. Information brief. 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.who.int/publications/book-orders.

[11]      „Food Planet Health Healthy Diets From Sustainable Food Systems Summary Report of the EAT-Lancet Commission“.

 

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