Hafergate – In Tirol kocht die Milch über

Ein Krampus bestellt in Tirol Kaffee mit Hafermilch und eine Serie teils absurder Ansprachen, voll Betroffenheit und Empörung, folgt. Hafergate hat begonnen. Aber warum kocht bei Hafer in Tirol die Milch über?

Kühe

Fischotter – faszinierende Überlebenskünstler

In den insgesamt 12 bis 14 gemeinsamen Monaten bringt die Ottermutter ihren Jungen bei, die saisonal verändernden Lebensräume und Nahrungsangebote optimal zu nutzen. Ihre gute Schule ist unerlässlich, um die Halbwüchsigen auf ein Leben im eigenen Revier vorzubereiten.

Tauben – Sport, Hochzeit, Verderben

Tauben sind äußerst intelligente Tiere. WissentschaftlerInnen konnten zum Beispiel zeigen, dass es möglich ist, Tauben beizubringen, unbekannte Gemälde von Picasso und Monet zu unterscheiden, indem sie den jeweiligen Kunststil zu identifizieren gelernt haben [5]. Außerdem werden die Vögel noch immer vielfältig eingesetzt, ob in Brieftaubenrennen oder als Hoffnungs- und Friedenssymbol bei Hochzeiten. Doch hinter den vermeintlich harmlosen Bräuchen versteckt sich oft viel Tierleid.

Hafergate – Wie alles begann

Seit mehr als einem Jahr ist auf YouTube ein Werbe-Video von der Tirol-Werbung abrufbar, zum Motto: „Come as you are – in Tirol ist jeder willkommen“. Darin bestellt ein Krampus einen Latte Macchiato mit Hafermilch [1]. Ziel war es, neue Zielgruppen anzusprechen. Heuer wurde der Spot dann in Frankreich für seine Darstellung von Gastfreundschaft und Toleranz ausgezeichnet [2] und erregte dadurch in Tirol wieder Aufmerksamkeit, aber auch Empörung [3]. Denn allein die Erwähnung von Hafermilch ist ein Affront gegen die Bäuer:innen – zumindest laut der Stellungnahme der Tiroler Landwirtschaftskammer. „Extrem schockiert“ zeigte sich da der Tiroler Landwirtschaftskammerpräsident, Josef Hechenberger. Er kritisierte, dass durch die Verwendung von Hafermilch, die Arbeit der Bäuer:innen zur Erhaltung Tiroler Kulturlandschaften und damit des Tourismus‘ nicht wertgeschätzt werde [4]. Mittlerweile ist das  Video nicht mehr in der regulären YouTube-Suche gelistet [1] und auch die Kampagne der Tirol-Werbung wurde vorerst abgebrochen. Der Werbespot soll überarbeitet und die Verwendung des Begriffs Hafermilch überdacht werden [4].

Milchwirtschaft in der Krise

So viel Tamtam über einen Werbespot mag für viele befremdlich oder sogar lächerlich sein. Aber genau diese, selbst für die Tirol-Werbung überraschend gekommene, große Aufregung hat wieder einmal gezeigt, wie sehr die Verwendung von Milchersatz und anderen tierfreien Lebensmitteln polarisiert. Bereits das Wort Milch führte in der Vergangenheit zu großer Aufregung, sodass der Europäische Gerichtshof 2017 schließlich urteilte, pflanzliche Milchersatzprodukte dürften weder in der Produktion noch im Handel länger als „Milch“, „Butter“ oder „Käse“ geführt werden. Im Privaten, der Werbung, Politik und im Journalismus können Ersatzprodukte übrigens weiterhin problemlos als Milch bezeichnet werden. Versuche den Schutz des Milch-Begriffs dahingehend weiter zu verschärfen, scheiterten bislang [2].

Aber der Spot verdeutlicht auch die angespannte Lage der österreichischen Milchproduktion allgemein. Zum einen ist die Milchwirtschaft finanziell gesehen nach wie vor der bedeutendste Landwirtschaftssektor in Österreich und stemmt fast ein Fünftel der gesamten landwirtschaftlichen Produktion hier zu Lande [5]. Zudem liegt der österreichische Milch-Selbstversorgungsgrad bei 180 % [8]. Zum anderen gewährleisten nur laufende Subventionierungen das Überleben vieler Bäuer:innen [6, 7]. In nicht einmal zwei Jahrzehnten verschwanden über die Hälfte aller Milchbetriebe [8], die meisten davon Kleinbetriebe [6], welche wichtige Aufgaben für die österreichische Artenvielfalt und Biodiversität leisten. Hauptsächlich Qualzucht und fragwürdige Tierwohlstandards [9] ermöglichen es in zunehmend größeren Massentierhaltungssystemen [10] billig Milch zu produzieren. Die Verlierer sind Tiere, Umwelt und letztlich die Menschen selbst.

Hafergate bringt Aufmerksamkeit für Alternativen

Fest steht, dass eine Ablehnung aller pflanzlichen Alternativen die aktuellen Probleme der Landwirtschaft nicht lösen wird, wo doch noch immer erst 4 % aller Österreicher:innen komplett auf Milchersatz umgestiegen sind [11]. Doch mit Sicherheit hat die Kritik der Tiroler Landwirtschaft ein starkes Medienecho erzeugt und neue Zielgruppen, wenn auch nicht auf Tirol, so doch auf pflanzliche Alternativen aufmerksam gemacht. Es bleibt also zu hoffen, dass die Nachfrage weiter steigen wird.

Generell ist die Milchwirtschaft in Österreich ein sehr komplexes System mit vielen Herausforderungen für Tier und Mensch. In den kommenden Monaten werden wir daher zum Teil sehr vielschichtigen Probleme beleuchten und aufzeigen, wo und wie Österreich sich hinsichtlich einer fairen, tiergerechten und nachhaltigen Zukunft weiterentwickeln kann.

 

Wer keine pflanzlichen Alternativen aber tierfreundliche Kuhmilch kaufen möchte, sollte auf den Milch-Ratgeber der Tierschutzombudsstelle Wien nicht verzichten: Hier

[1] YouTube. Come as you are – in Tirol ist jeder willkommen. 23.07.2021. https://www.youtube.com/watch?v=jj3gxPSv4RA (aufgerufen: 12.2022)

[2] Der Standard. Wieso Hafermilch Österreich zum Schäumen bringt. Podcast. 11.2022. https://www.derstandard.at/story/2000141371475/marketingchef-der-tirol-werbungich-trinke-meinen-latte-macchiato-mal-mit (aufgerufen: 12.2022)

[3]Agrarheute. Laufmann P. Haferdrink für den Krampus oder Tirol hat einen Milchskandal. 02.12.2022. https://www.agrarheute.com/land-leben/haferdrink-fuer-krampus-tirol-hat-milchskandal-600988 (aufgerufen: 12.2022)

[4] YouTube. Tiroler Landwirtschaftskammer schäumt vor Wut – Tirol Werbung für Hafermilch – ORF 30. November 2022. 01.12.2022.  https://www.youtube.com/watch?v=gHpFIqF-YZ4 (aufgerufen: 12.2022)

[5] Bundesministerium Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft. 31.08.2022. Grüner Bericht 2022.

[6] Machold I, Groier M. 2020. Landwirtschaftliche Kleinbetriebe in Österreich zwischen Nachhaltigkeit und Globalisierung.

[7] Bundesministerium Land- und Forstwirtschaft Regionen und Wasserwirtschaft. 1,2 Milliarden Euro Agrarzahlungen für heimische Landwirtschaft. https://info.bml.gv.at/themen/landwirtschaft/eu-agrarpolitik-foerderungen/laendl_entwicklung/milliarden-euro-agrarzahlungen-f%C3%BCr-heimische-landwirtschaft-2020.html (aufgerufen: 12.2022)

[8] Statista. Anzahl der Milchproduktionsbetriebe in Österreich von 1996 bis 2021. 02.2022. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/607136/umfrage/anzahl-der-milchproduktionsbetriebe-in-oesterreich/ (aufgerufen: 12.2022)

[9] Global2000. Der Fleischatlas. 2021. (Download: https://www.global2000.at/sites/global/files/Fleischatlas-2021.pdf)

[10] Rinderzucht Austria. Hofer O. Strukturwandel – Milchviehbetriebe wachsen rasant. 17.05.2022. https://www.rinderzucht.at/nachricht/20220517-strukturwandel-milchviehbetriebe-wachsen-rasant.html (aufgerufen: 12.2022)

[11] Statista. Selbstversorgungsgrad bei Konsummilch in Österreich von 1995 bis 2021. 13.09.2022. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/596438/umfrage/selbstversorgungsgrad-bei-rohmilch-in-oesterreich/ (aufgerufen: 12.2022)

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