Interview mit Tierethiker Prof. Winkelmayer: Tierschutz bei der Jagd?

Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer hat das Bundes-Jagdgesetz-Volksbegehren mitinitiiert, ist ehemaliger Jäger, pensionierter Amtstierarzt und Veganer. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich intensiv mit Tierethik und Tierschutz. Wir haben ihn gefragt, was das Volksbegehren WIRKLICH fordert und wie wir in Zukunft mit unseren Mitlebewesen umgehen sollten. Das und mehr hier!

Früher gingen Sie auf die Pirsch, heute sind Sie Veganer und Tierethiker. Wie kam es zu diesem Wandel?

Es waren rein logische Schritte, um vom Jäger zum Veganer zu werden. Ich bin in einem Jägerhaushalt aufgewachsen und „jagdlich“ sozialisiert worden. Aber während meiner dienstlichen Tätigkeit, kam ich viel mit dem Tod in Berührung: Mit dem Tod am Schlachthof und mit dem Tod in meiner eigenen Kleintierpraxis. Ich begann mich zu fragen, wieviel Tod zumutbar sei. Wenig verwunderlich bin ich damit in die Philosophie im Allgemeinen und die Tierethik im Besonderen eingetaucht.

Aus der gängigen Literatur der damaligen Tierrechtsbewegung schlussfolgerte ich, dass wir kein Recht haben, Tieren ihr Leben zu nehmen. Mehr noch, dass wir vernünftigerweise ein Leben führen sollten, bei dem wir für möglichst wenig Tod verantwortlich sind. Natürlich, Tod ist nicht zu 100 % vermeidbar, aber wir sollten uns bewusst darauf konzentrieren, unser Bestes zu tun. Da auch die Milch- und Eiproduktion viel Tod und Tierleid bedeuten, habe ich vor etwa 10 bis 15 Jahren den nächsten konsequenten Schritt getan und bin vom Vegetarier zum Veganer geworden.

Wie sehen Sie als Tierethiker den Umgang in Österreich mit Wild- und Nutztieren?

Zuerst vorweg: ich mag das Wort „Nutztiere“ nicht. Der Begriff ist zwar im Tierschutzgesetz so festgeschrieben, aber er ist eine Abwertung. Spätestens seit der Diskussion über das Gendern wissen wir, was Sprache bewirkt. Daher sollten wir auch nicht so leichtfertig über „Labor-“ oder „Nutz“-Tiere sprechen. Wir waren es schließlich, die sie dazu degradiert haben, und gerade bei Kindern und Jugendlichen entsteht so der Eindruck, Tiere wären nur für unsere Zwecke da.

Aber zur Frage zurück: Ich sehe unseren Umgang mit diesen Tieren als nicht mehr zeitgemäß. Wenn wir die aktuellen Erkenntnisse aus Evolutionsbiologie, Kognitionsbiologie, Verhaltensbiologie und Tierethik heranziehen, dann sind wir gezwungen, Tiere völlig anders zu betrachten als noch vor ein paar Jahrzehnten. Das aktuelle Wissen über das Denken und die Empfindungen von Tieren ist erdrückend. Was wir Tieren in der Jagd, aber vor allem auch in der Landwirtschaft antun, ist damit absolutes Unrecht! Um dieses Unrecht zu ändern, ist die Politik gefragt. Veränderung nur an Konsumierende abzuwälzen, wird nicht funktionieren. Wir sind als Gesellschaft gefordert, das zu schaffen, und dafür muss die Politik die großen Vorgaben machen.

Haben Sie einen Vorschlag, welches Ziel wir uns bei unserem Umgang mit Tieren setzen sollten?

Einer der modernsten philosophischen Tierrechtsansätze ist der Fähigkeitenansatz von Martha Nussbaum. Demnach sollten wir Tiere entsprechend ihrer Fähigkeiten unterstützen und schützen, ihnen einen Raum zur optimalen Entfaltung geben und sie dabei fördern, ihre angeborenen Bedürfnisse voll ausleben zu können. Kenntnisse über ihre Lebensweise und Biologie zu erwerben, ist dabei natürlich ein Grundpostulat. Wir müssen schließlich wissen, welche Bedürfnisse andere Spezies überhaupt haben, um entsprechend zu handeln.

Aktuell stützen wir uns hauptsächlich auf den Pathozentrismus, zurückgehend auf Jeremy Bentham einem der Begründer des Utilitarismus‘. Bentham forderte das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl. Dieser Ansatz nach der Vermeidung von Leid, war eine epochale Neuerung im 18. Jhd. und beeinflusst unsere Sozialgesetzgebung bis heute wesentlich. Nur wissen wir in der Tierethik nun, dass Pathozentrismus allein, zu wenig ist. Es geht nicht nur um das Frei-Sein von Leid, es geht auch um die Ermöglichung von Freude.

Sie sprechen sich für die Ultima-Ratio-Jagd aus. Was ist das und warum lehnen es viele Jäger:innen ab?

Ultima-Ratio-Jagd bedeutet, dass eine jagdliche Regulation von Tierbeständen nur dann ethisch gerechtfertigt ist, wenn diese Tiere auch wirklich menschlich bejagt werden müssen. Die allermeisten Wildtierpopulationen, zum Beispiel Füchse, Wildenten, Feldhasen, Fasane, Rebhühner, Dachse, Mader, etc. regulieren sich wunderbar selbst, wir müssten sie also gar nicht töten.

Ultima-Ratio-Jagd gefällt vielen Jäger:innen natürlich nicht. Sie würden dadurch ein wesentliches Betätigungsfeld verlieren und wären in ihrer jagdlichen Freizeitbetätigung sehr stark einschränkt. Zudem handeln viele Jäger:innen leider in dem Irrglauben, der Biodiversität durch die Jagd etwas Gutes zu tun. Aber das tun sie nicht. Nehmen wir die Füchse als Beispiel: Weil sie angeblich andere Tierarten bedrohen würden, werden Füchse von der Jägerschaft stark verfolgt. Es gibt sogar noch immer Prämien und Auszeichnungen für den Fuchsabschuss. Dabei schadet der Fuchsabschuss oft mehr, als er hilft. Die Tierschutzombudsstelle Berlin hat beispielsweise eine wundervolle Übersicht der 100 wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten über Füchse zusammengetragen, woraus klar hervorgeht, dass die jagdliche Regulierung der Füchse (bis auf einzelne Spezialfälle) populationsdynamisch vollkommen sinnlos ist.

Letztlich müssten nur das Reh, der Rothirsch und das Wildschwein tatsächlich, also auch entsprechend der Ultima-Ratio-Jagd, bejagt werden. Als Kulturfolger profitieren sie von unseren landwirtschaftlichen Methoden, also unserer Kulturlandschaft. Sie vermehren sich sehr stark, während sie so gut wie keine natürlichen Feinde mehr bei uns haben. Im Interessensausgleich mit der Land- und Forstwirtschaft und in Hinblick auf klimafitte Wälder besteht hier also jagdlicher Regulierungsbedarf.

Bundes-Jagdgesetz unterstützen!

Sie sind Sprecher und Mitinitiator des Volksbegehrens „Bundes-jagdgesetz“. Was wird gefordert und warum?

Über 30 Expertinnen und Experten haben an unserem Positionspapier gearbeitet und wir sind uns einig, dass die Jagd dringend reformiert werden muss. Wir brauchen eine Schonzeit für alle Arten, grausame Jagdpraktiken müssen verboten und Eltern- und Haustiere besser geschützt werden. Wir brauchen hier österreichweite, gesetzliche Reformen und diese sind am besten bundeseinheitlich zu realisieren.

Das Töten von freilaufenden Hunden und Katzen stört uns beispielsweise sehr. Natürlich sind Tierhalter:innen dazu verpflichtet, auf den eigenen Hund aufzupassen und die Katze nicht überall und zu allen Jahreszeiten vor die Tür zu lassen – wir bekennen uns hier voll zur Verantwortung der Tierhalter:innen. Aber es ist nicht das gelindeste Mittel, einen im Wald herumlaufenden Hund zu erschießen. Das sind Familienmitglieder. Da geht es nicht nur um das Leiden des Tieres, sondern auch um die soziale Funktion, die es erfüllt hat. Kinder weinen, Familien trauern, wenn dieses Familienmitglied zu Schaden kommt. Es ist ein barbarischer, unhaltbarer Zustand, heutzutage noch Hunde und Katzen zu erschießen.

Und dann gibt es eine Reihe von teilweise grausamen und unnötigen Praktiken, die die Bevölkerung mit Vehemenz ablehnen würde, wenn sie davon wüsste: Füchse und andere Beutegreifer dürfen etwa je nach Bundesland ganzjährig bejagt werden, also auch zu Zeiten, wo sie Junge haben. Natürlich gehen die Waisen elendig zugrunde, wenn ihre Eltern getötet werden. Wir hören oft, dass das im Sinne der Weidgerechtigkeit und des Mutterschutzes keiner mache. Wir sehen aber, dass es passiert. Es gibt noch viele weitere Beispiele: Grausamkeiten, die bei der Bau- oder Fallenjagd passieren. Halbzahme Tiere, die in Gattern gehalten und dann dort ohne Fluchtmöglichkeit zuhauf geschossen werden. Tieren, die eigens für die Jagd gezüchtet und dann für den Abschuss ausgesetzt werden. Das gehört reformiert.

Kritiker:innen behaupten oft, Sie und die anderen Beteiligten wollten mit dem Volksbegehren schlussendlich die Jagd abschaffen. Stimmt das?

Nein, wir wollen die Jagd natürlich nicht abschaffen. Das wird uns zwar oft unterstellt, aber das stimmt einfach nicht. Das Volksbegehren wurde nicht zuletzt auch zusammen mit Jäger:innen des Ökologischen Jagdverbands entwickelt. Unsere 14 Forderungen richten sich gegen die teilweise grausamen und unnötigen Praktiken, die aus Tierschutzgründen abzulehnen und ökologisch unvernünftig sind. Wir alle wollen eine reformbedürftige Jagd reformieren.

Und wir sind nicht alleine: Wir wissen aus entsprechenden Umfragen, dass etwa 80 % der Bevölkerung Tierquälerei auf jeden Fall ablehnen. Die Gesellschaft will also keine gequälten Tiere. So ist es auch in der Jägerschaft. In dieser großen und sehr heterogenen Gruppe sind viele Menschen, die absolutes Verständnis für den Reformbedarf haben. Wir wissen nicht zuletzt aus einer Reihe von teils anonymen Rückmeldungen, dass der Ansatz der offiziellen Jagdverbände, mit Schönfärberei, Grennwashing und Schönrederei zu reagieren, nicht im Sinne aller Mitglieder:innen ist.

Wenn die Bevölkerung und Teile der Jägerschaft die Reformen unterstützen, warum gibt es dann so eine große Aufregung?

Wer unsere Forderungen nicht begrüßt, ist leider die offizielle Jagd, sprich die Landesjagdverbände und der Zusammenschluss der Jagdverbände, die Jagd Österreich. Einige tun sich sogar besonders negativ hervor: Die Jagdverbände in Oberösterreich, der Steiermark und Niederösterreich, aber auch Salzburg rudern vehement dagegen. Ich kann die wahren Motive für diesen Widerwillen nicht sehen, aber ich vermute, dass es vielen zu mühsam ist, auf unsere wissenschaftlich fundierten Forderungen sachlich einzugehen.

Die offizielle Jagd könnte natürlich auch zugeben, welchen unserer 14 Punkten sie inhaltlich zustimmt und mit uns diskutieren, schließlich sind unsere Argumente grundvernünftig. Stattdessen versuchen sie den Reformbedarf totzuschweigen und üben sich lieber in einer Verdrehung der Tatsachen. Aber wir wissen, dass es in der Jägerschaft brodelt. Der Reformbedarf ist vorhanden und niemand wird den Deckel ewig auf dem Topf halten können.

Welche Botschaft würden Sie unseren Leser:innen gerne mitgeben.

Bitte denken wir nach! Traditionen sind nichts Heiliges – trennen wir uns von ihnen, wo sie einfach nicht mehr zeitgemäß sind! Der Stand der Wissenschaft zwingt uns, Tiere als eigenständige Lebewesen zu akzeptieren, die auch leben wollen. Wir müssen uns also auch eingestehen, dass wir derzeit grausam zu Tieren sind. Lassen wir daher doch unser Mitleid und unsere Empathie endlich zu. Das sind sehr edle Gefühle! Natürlich kann jede:r für sich aktiv werden, aber besonders die Politik ist dringend aufgefordert, endlich Handlungen zu setzen.

Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer war bis zur Pensionierung praktischer Tierarzt und Amtstierarzt, ist weiterhin als Autor und Vortragender tätig und beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit Tierethik und Tierschutz.

 

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