Ganzheitliches Rattenmanagement JETZT

Rattenmanagement muss neu gedacht werden. Die bisherigen Ansätze scheitern und der weitläufige Gifteinsatz gefährdet Mensch, Tier und Umwelt. Welche Lösungen jetzt gefordert sind, warum Ratten mancherorts heilig sind und mehr – HIER!

Auf einen Blick

  • Aussagen wie „mehr Ratten als Wiener:innen“ sind unsinnig und nicht belegt
  • Bisheriges Rattenmanagement ist meist zu kurz gedacht und scheitert
  • Wissenschaftliches Rattenmonitoring ist dringend notwendig
  • Nur ganzheitliche Lösungen und Ursachenbekämpfung sind effektiv

Unbekannt, wie viele Ratten in Wien leben

„Mehr Ratten als Wiener:innen!“ So oder so ähnlich lauten Meldungen, die regelmäßig durch unsere Medien geistern und das Ausmaß einer vermeintlichen „Rattenplage“ verdeutlichen sollen. Derartige Vergleiche sind natürlich vollkommend nichtssagend – niemand würde sich schließlich darüber echauffieren, dass in Wien auch deutlich mehr Insekten als Wiener:innen leben. Doch obwohl alle Wild- und Haustiere Träger von Erregern sein können, sind besonders die klugen Nager gefürchtet und verrufen.

Dabei fehlt in Wien, wie im Rest Österreichs, leider nach wie vor ein gutes Rattenmonitoring und niemand weiß, wie viele Ratten tatsächlich hier leben. Etwaige Zahlen beruhen auf Schätzungen von Schädlingsbekämpfungsfirmen. Vermehrte Rattensichtungen könnten aber auch auf eine zunehmende Sensibilisierung der Bevölkerung zurückgehen: Indem mehr Leute auf Rattenbefall achten, fallen auch mehr Ratten auf. Monitoringprogramme sind dabei nicht nur notwendig, um die tatsächliche Anzahl der Tiere zu ermitteln, sondern auch um die Gesundheit der Population zu erfassen, wie die Tiere auf wechselnde Umweltbedingungen reagieren, welche Managementsmethoden effektiv sind und so weiter.

Weitere Untersuchungen sind dringend nötig, denn eventuell verursacht unkoordinierte Bejagung aktuell mehr Probleme als sie löst. Für andere Tierspezies ist beispielsweise bekannt, dass sich ihre Vermehrungsrate unter Jagddruck erhöht und getöteten Tiere durch mehr Junge ausgeglichen werden. Wenn einzelne Ratten aus den streng hierarchischen Gruppen ausfallen und ständig neue Rangkämpfe entstehen, ist es außerdem denkbar, dass Krankheiten leichter zwischen den Tieren übertragen werden. Dabei wissen wir aktuell auch noch nicht, wie hoch, das Ansteckungsrisiko für den Menschen überhaupt ist.

Herkömmliches Rattenmanagement scheitert seit Jahrzehnten

Wir müssen also über das Rattenmanagment in unseren Städten reden. Aktuell werden hauptsächlich Gifte, sogenannte Rodentizide, gegen die Bekämpfung von Ratten eingesetzt. Diese gefährden nicht nur die Gesundheit von Mensch und Tier (lesen Sie HIER, wie wir uns und unsere Umwelt mit Rattengift vergiften). Die bisherigen Vorgehensweisen verfehlen auch ihr Ziel, die Rattenpopulation möglichst klein zu halten – schließlich melden gerade Vertreter:innen aus der Schädlingsbekämpfungsbranche eine Zunahme an Ratten.

Die Angst vor Ratten und Mäusen ist tief in unserer Gesellschaft verankert, aber größtenteils unbegründet. Spätestens seit den drei großen Pestepidemien der Geschichte ist das Image der Ratte in Europa scheinbar unwiderruflich mit Krankheit und Tod verknüpft. Dabei waren die Nager ebenso Opfer der Pest, wie wir Menschen. Kleine Flöhe, die auch auf anderen Tieren und uns prächtig gedeihen, sind die eigentlichen Überträger des Pestbakteriums Yersinia pestis. Nicht ohne Grund empfiehlt das Sozialministerium daher den Schutz gegen Insekten als effektive Prävention gegen Krankheiten wie die Pest.

Zahlreiche Haus- und Wildtiere sind Träger von Zoonosen, also auf uns Menschen übertragbare Krankheiten. Wer nicht direkt mit Tieren in Kontakt kommt, braucht dabei aber meist nichts zu befürchten. Die Angst vor der Ratte ist trotzdem geblieben. Während sich niemand vor Krankheitsansteckungen durch ein Eichhörnchen fürchtet, gelten die reinlichen Ratten als unhygienisch und gefährlich. Und während zu Ostern Hasen und Kaninchen für ihre große Gebärfreudigkeit als Fruchtbarkeitsboten gefeiert werden, schaudert es viele bei dem Gedanken an sich vermehrende Rattenfamilien.

In anderen Ländern werden Ratten hingegen oft für ihre Klugheit und Anpassungsfähigkeit geschätzt. China hat das schlaue Tier in ihrem Tierkreishoroskop verewigt und in Indien werden Ratten mancherorts als heilig verehrt. Was viele nicht wissen, mittlerweile unterstützen die feinen Nasen der Tiere uns Menschen in vielen Situationen des Lebens. Eigens ausgebildete Mienen-Spürratten helfen der Bevölkerung in Teilen Afrikas, die traurigen und gefährlichen Erinnerungen vergangener Kriege zu beseitigen. Ähnlich wie Hunde, erschnuppern Ratten auch erfolgreich verschiedenste Krankheiten, von Krebs über Tuberkulose, und dienen sogar als Assistenztiere, etwa für Diabetiker.

Wie sich Ratten effektiv kontrollieren lassen, beschäftigt unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten. In Wien schreibt die Wiener Rattenverordnung vor, bereits beim Verdacht von Rattenbefall, Bekämpfungsmaßnahmen zu starten. In der Fachliteratur wird oft von einem „Krieg gegen Ratten“ gesprochen. Wie auch in Wien, ist das Ziel meist die Auslöschung der Tiere in einer Region oder zumindest eine weitestmögliche Reduktion ihrer Population. So unterschiedlich die Vorgehensweisen dabei auch sind, gemeinsam hat der „Krieg gegen Ratten“, dass er nicht funktioniert.

Meist scheitern bisherige Ansätze daran, dass sie zu kurz gedacht sind, die Bevölkerung nicht miteinbeziehen, schlecht koordiniert werden, keine Evaluationsprozesse vorsehen, Ressourcen fehlen etc. Zu dieser Erkenntnis kam eine Forschergruppe durch die Analyse von über 120 verschiedener Studien, Erfahrungsberichten, best-practice Beispielen und mehr. Rattenbefall sei demnach ein äußerst komplexes Problem, das auch entsprechend komplexe Lösungen verlange.

Ganzheitliches Rattenmanagement und Monitoring müssen her

Forscher:innen fordern ein grundsätzliches Umdenken: Während aktuell hauptsächlich die Rattenanzahl bekämpft wird (vor allem durch die Ausbringung hochgefährlicher und umweltschädlicher Giftköder), brauchen wir ganzheitliche Ansätze. Rattenbefall darf nicht länger isoliert betrachtet werden, denn viele Faktoren hängen dabei zusammen und zu viele Ratten können stets als Symptom anderer Probleme entstehen. Bauliche Faktoren und Bauordnungen, Müllentsorgung und Recycling, Tourismus und die Gastronomie sowie die Lebensumstände der Bevölkerung spielen unterschiedlich große Rollen.

Als ersten Schritt brauchen wir also ein wissenschaftliches Rattenmonitoring und müssen die Komplexität unserer Ko-Existenz mit Ratten genauer analysieren: Wo leben Ratten, welche Personengruppen sind gefährdet, welche Gesetze und Regelungen erschweren oder erleichtern den Umgang mit den Tieren, welche Behörden sind zuständig und welche Befugnisse haben oder brauchen sie. Erst wenn diese Zusammenhänge dargestellt sind, kann priorisiert werden, welche Maßnahmen sich schnell und leicht umsetzen lassen, wo es Behörden-übergreifende Lösungen braucht und welche Faktoren sich nur verbessern, vielleicht aber nie lösen lassen.

Ursprung von Rattenbefall muss bekämpft werden

Zu einer langfristigen Lösung gehört, dass sukzessive Ursprünge von übermäßigem Rattenbefall beseitigt und auf Präventionsmaßnahmen gesetzt werden müssen. Besonders Gegenden mit niedrigem sozioökonomischem Status ziehen häufig viele Ratten an. Schädlingsbekämpfer:innen melden, dass hier Rattenbekämpfung oft schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist. Vermüllte Hauseingänge, schlechte Infrastruktur und mangelnde Hygiene bieten den Ratten genügend Futter und Lebensraum, um regelmäßig zurückzukommen.

Mehr Achtsamkeit bei der Entsorgung von Lebensmittelresten ist eine der wichtigsten Präventionsmaßnahmen. Je größer und leichter zugänglich das Nahrungsangebot ist, desto mehr Ratten können sich ansiedeln. Überquellenden Abfallcontainern sind für Ratten ein Nahrungsreservoir erster Güte. Über das WC entsorgte oder im Freien achtlos ins Gebüsch geworfene Essensreste ergänzen den Menüplan der Nager.

Eine sehr gute Übersicht über hilfreiche Maßnahmen gegen Ratten und andere unliebsame tierische Besucher finden Sie im Flyer vom Deutschen Umweltbundesamt:

Tipps!

An solchen Hotspots Ursprünge für übermäßiges Rattenvorkommen einzudämmen, bedeutet also nicht nur, bauliche Verbesserungen zu bewirken, sondern Maßnahmen zu schaffen, um den Lebensstandard der Menschen zu erhöhen. Dieser Ansatz ist nicht neu: Bereits zu Beginn des 20 Jahrhunderts, wo weltweit noch die dritte große Pestwelle wütete, wurde gefordert, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, um gegen Rattenbefall vorzugehen. Mit Erfolg.

Während damals weltweit mehrere Millionen Menschen an dieser letzten großen Pestwelle verstarben, sorgte vor allem eine Kombination aus besseren Hygienestandards und Vorsorge dafür, dass Europa von der Pest größtenteils verschont blieb. Indem Slums geschlossen, Abwassersysteme ausgebaut und endlich großflächig Zugang zu sicherer Wasserversorgung gewährleistet wurden, reduzierte man nachhaltig das Risiko, mit Ratten in Kontakt zu kommen, und verbesserte gleichzeitig den Lebensstandard der Menschen. Mittlerweile ist Europa erfolgreich frei von der Pest.

Fazit:

Um Rattenmanagement endlich zielführend zu betreiben, brauchen wir eine Kombination aus verbesserter Ursachenanalyse und bereichsübergreifenden Maßnahmen. Da wir unsere Städte in Anpassung an den Klimawandel ohnehin grundlegend neu denken müssen, besteht viel Potential darin, Rattenprävention gleich in die Planung von Neu- und Renovierungsbauten miteinzubeziehen. Grundlage für zukünftige Maßnahmenpläne muss ein einheitliches und wissenschaftlich fundiertes Monitoring sein.

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