Fischfabrik in Gmünd: Ohne Umweltverträglichkeitsprüfung?!

In einem Europaschutzgebiet wird eine riesige Salzwasser-Lachszucht geplant. Nun gaben die Behörden bekannt, dass die negative Umweltauswirkungen nicht einmal geprüft werden sollen. Was wir dagegen unternehmen und mehr – HIER!

Auf einen Blick:

  • Österreich sträubt sich seit Jahren gegen Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP)
  • Größte Fischfarm Österreich soll ohne UVP in einem Naturschutzgebiet gebaut werden
  • VGT und wir haben gegen dieses Vorhaben Beschwerde eingelegt
  • Die Fischfarm könnte große Umweltauswirkungen mit sich bringen und bedeutet Tierleid

Lachsfabrik könnte Schutzgebiet und Wasserversorgung gefährden

Seit Frühling 2023 ist bekannt, dass die Burgenlachs GmBH im niederösterreichischen Gmünd, Österreichs größte Lachsfarm aufbauen will. Bis 2025 soll dort eine riesige Salzwasser-Fischzucht und Verarbeitungsfabrik entstehen, bei der die Betreiber:innen planen, pro Jahr über 3.000 Tonnen Lachs zu erzeugen. Kosten: 70 Mio. Euro [1].

Doch das Projekt bringt große Fragen und Probleme mit sich:

  1. Der Bau der Fischfabrik würde nach den vorliegenden Plänen das Europaschutzgebiet „Waldviertler Teich-, Heide- und Moorlandschaft“ beeinträchtigen – eine Region, die seit 2009 zu einem Flora-Fauna-Habitat Schutzgebiet sowie Vogelschutzgebiet erklärt worden ist [2].
  2. Etwa 2 Hektar soll die Indoor-Zuchtanlage groß sein [1]. Geplante großflächige Asphaltierungen stellen damit einen problematischen Bodenverbrauch in einem Land dar, das europäischer Spitzenreiter bei Bodenversiegelung ist und immer noch 4-mal mehr versiegelt als in den eigenen Nachhaltigkeitszielen von vor 20 Jahren vorgesehen war [3].
  3. Wasser soll größtenteils rezirkulieren und wiederverwendet werden [4]. Prognostizierte wird trotzdem ein täglicher Frischwasserverbrauch von 500 m³ zur Versorgung der Fischzuchtanlage. Dies könnte langfristig die Wasserversorgung-Sicherheit der Stadtgemeinde Gmünd gefährden [5].
  4. Fraglich ist auch, ob eine Fischzuchtanlage in der geplanten Dimension überhaupt als geschlossene Anlage gesehen werden kann. Die vom Betreiber angekündigten Rezierkulierenden Aquakultursysteme (RAS) sollen unter hohem Energieverbrauch, mit zahlreichen Filtern und Pumpen, das Wasser der Fische reinhalten. Doch obwohl das Wasser größtenteils rezirkuliert, entstehen Abfälle, die aus der Anlage entfernt werden müssen und in die Umwelt gelangen können.

Umweltverträglichkeitsprüfungen sollten Umweltschutz garantieren

Gerade in Zeiten der Klima- und Biodiversitätskrise mit zunehmender Wasserknappheit, Umweltzerstörung und Artenverlust sollte unbedingt geprüft werden, welche Auswirkungen derartige Projekte haben. Die EU erlies bereits in den 80ern ein erstes Umweltverträglichkeitsgesetz, das mittlerweile zahlreich verändert, erweitert und 2011 zu einem neuen Gesetz zusammengefasst worden ist. 2014 wurden dann auch wichtige neue Prüfbereiche zu biologischer Vielfalt, Flächenverbrauch, Klimawandel und Katastrophenrisiken geschaffen [6].

Ziel der damit eingeführten Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) ist es, vor der Umsetzung gewisser Projekte die „Auswirkungen auf Menschen, Tiere, Pflanzen und deren Lebensräume, Boden, Wasser, Luft und Klima, die Landschaft sowie Sach- und Kulturgüter, unter Berücksichtigung möglicher Wechselwirkungen und kumulierender Auswirkungen“ zu erfassen. Werden die Folgen als zu schwer eingestuft, können Projekte in einem Genehmigungsverfahren abgelehnt werden [7].

Österreich sträubt sich schon lange gegen Umweltverträglichkeitsprüfungen

Österreich sträubt sich fast schon traditionell gegen UVPs [7]. Erst im Jahr 2000 erfolgte hierzulande die erste Umsetzung der europäischen Richtlinien auf nationaler Ebene im sogenannten Umweltverträglichkeitsprüfungsesetz (UVP-G 2000) sowie in verschiedenen Gesetzen der Bodenreform [6]. Seitdem hinkt die nationale Gesetzgebung der EU immer mehrere Jahre hinterher. Oft bedarf es für die Umsetzung erst großen Druck durch NGOs, die Öffentlichkeit und die EU selbst.

Wenig überraschend wurden wegen Österreichs mangelnder Umsetzung der EU-Umweltgesetze von der EU auch bereits mehrere Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich eingeleitet. Erst als der Druck durch ein solches Verfahren zu groß wurde, erlangten beispielsweise anerkannte Umweltorganisationen 2018 ihr jahrzehntealtes juristisches Recht auf Parteistellung bei Umweltverfahren [7]! Zuletzt wurde das UVP-Gesetz Anfang dieses Jahres adaptiert – wieder in Folge eines Vertragsverletzungsverfahrens gegen Österreich [6].

NÖ Landesregierung will keine UVP für Fischfabrik – wir kämpfen dafür

Im September 2023 kam nun eine erschreckende Nachricht zur Fischfabrik in Gmünd: Obwohl andere NGOs und wir bereits seit Monaten unsere Bedenken zu dem Projekt äußern, hat die NÖ Landesregierung per Bescheid veranlasst, dass keine Umweltverträglichkeitsprüfung verpflichtend sei. Mit anderen Worten muss nicht geprüft werden, ob die Fabrik unzumutbare Umweltrisiken mit sich bringt [8].

Zusammen mit dem Verein gegen Tierfabriken (VGT) haben wir von Tierschutz Austria gegen den Bescheid der NÖ Landesregierung Einspruch erhoben. Umweltverträglichkeitsprüfungen sind ein wichtiges Werkzeug, um den Schutz unsere Natur zu erhalten. Sie einfach mittels Bescheide zu umgehen, führt den hiesigen Umweltschutz ad absurdum!

Keine Tierschutzstandards für Lachsfabriken

Abgesehen von der Umweltproblematik entsteht durch derartige Fischfabriken auch viel Tierleid. Der Verein gegen Tierfabriken (VGT) hat bereits vor Monaten darauf hingewiesen, dass Tierschutz in den bisher veröffentlichten Plänen zu wenig berücksichtigt wird. Anders als bei der Karpfen- und Forellen-Teichwirtschaft sucht man im österreichischen Tierhaltegesetz vergebens nach Tierschutz-Vorschriften für Lachsfarmen. Doch ohne strenge Richtlinien kommt Tierschutz in derartigen Hochleistungsfleischindustrien erfahrungsgemäß immer zu kurz [9].

Die Betreiber:innen wollen ihr geplantes Projekt natürlich als besonders nachhaltig bewerben und jegliche Zweifel zerreden [4]. Einen Salzwasserfisch, der in freier Wildbahn Tausende Kilometer weit wandert, sein Leben lang mitten im Waldviertel in kleine Tanks zu sperren, sei damit natürlich, regional und umweltschonend. Auch dass die Fische vermutlich herkömmlich mit Fischmehl gefüttert werden, dass als Nebenprodukt der industriellen Meeresfischerei erzeugt wird und tonnenweise importiert werden muss, scheint dieser Nachhaltigkeitsillusion nichts abzutun.

Fazit:

Es zeigt sich, dass die geplante Fischfabrik in Gmünd, Österreich, nicht nur erhebliche Umweltauswirkungen mit sich bringen könnte, sondern auch tierethische Bedenken aufwirft. Das Vorhaben, die größte Fischfarm des Landes, ohne eine Umweltverträglichkeitsprüfung in einem Europaschutzgebiet zu errichten, offenbart, welchen geringen Stellenwert Umweltschutz noch immer für die österreichischen Behörden hat.

Wir kämpfen weiter und halten Sie natürlich auf dem laufenden! In Anbetracht der globalen Klima- und Biodiversitätskrise sowie der bekannten Mängel im österreichischen Umgang mit Umweltverträglichkeitsprüfungen ist es daher unerlässlich, dass die Behörden ihre Verantwortung wahrnehmen und die potenziellen Auswirkungen dieses Projekts sorgfältig prüfen.

Sie wollen unseren ehemaligen Labor- und Nutztieren helfen?

Die meisten „Nutztiere“ werden in ein System hineingeboren, das keinen Platz mehr hat, wenn sie ihren „Nutzen“ für uns Menschen verlieren. Unterstützen Sie uns bei der Rettung und Versorgung dieser Tiere und ermöglichen Sie ihnen damit eine artgerechtes Leben in Würde.

Zum Spendenprojekt!

[1]        NÖN und M. Lohninger, „70-Mio.-Euro-Projekt – ‚Waldlachs‘: Gmünd bekommt größte Lachsfarm Österreichs – NÖN.at“. Zugegriffen: 10. November 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.noen.at/gmuend/70-mio-euro-projekt-waldlachs-gmuend-bekommt-groesste-lachsfarm-oesterreichs-gmuend-362836346

[2]        Amt der NÖ Landesregierung Abteilung Naturschutz, „FFH-Europaschutzgebiet Waldviertler Teich-, Heide- und Moorlandschaft – Land Niederösterreich“. Zugegriffen: 10. November 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.noe.gv.at/noe/Naturschutz/FFH-Gebiet_Waldviertel.html

[3]        WWF Österreich, „BODENREPORT 2023 Die Verbauung Österreichs: Ursachen, Probleme und Lösungen einer wachsenden Umweltkrise“, Mai 2023.

[4]        „Heimische Unternehmer siedeln erste österreichische Waldlachs-Farm in Gmünd an | Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, 13.04.2023“. Zugegriffen: 9. November 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20230413_OTS0051/heimische-unternehmer-siedeln-erste-oesterreichische-waldlachs-farm-in-gmuend-an

[5]        NÖN und M. Lohninger, „Lachsfarm für Gmünd? Pläne scheiden die Geister“, Apr. 2023.

[6]        Bundesministerium Klimaschutz Umwelt Energie Mobilität Innovation und Technologie, „Anwendungen und Ziele der Umweltverträglichkeitsprüfung“. Zugegriffen: 10. November 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.bmk.gv.at/themen/klima_umwelt/betrieblich_umweltschutz/uvp/uvp.html

[7]        Bundesministerium Klimaschutz Umwelt Energie Mobilität Innovation und Technologie und Umweltbundesamt Abt. V/11, „8. UVP-Bericht an den Nationalrat“, 2021.

[8]        Verein Gegen Tierfabriken und Tierschutz Austria, „Fischfabrik in Gmünd: Beschwerde gegen Feststellungsbescheid | VGT – VEREIN GEGEN TIERFABRIKEN, 23.10.2023“. Zugegriffen: 10. November 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20231023_OTS0058/fischfabrik-in-gmuend-beschwerde-gegen-feststellungsbescheid

[9]        MeinBezirk.at, „Lachsfarm in Gmünd: Sind Lachse die neuen Karpfen? – Gmünd“. Zugegriffen: 10. November 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.meinbezirk.at/gmuend/c-regionauten-community/sind-lachse-die-neuen-karpfen_a5987585

 

Das könnte Sie auch interessieren

Einheitliche Lebensmittelkennzeichnung statt Siegeldschungel

Durch die unglaubliche Vielzahl verschiedenster Label, ist es für VerbraucherInnen schwer beim täglichen Einkauf einen Überblick, über die Haltungsbedingungen der Tiere zu behalten. Auf jeder Verpackung ist von glücklichen Tieren, höchster Qualität oder Nachhaltigkeit zu lesen. Leider stecken dahinter meist nur geschickte Marketingstrategien der Hersteller, die Tiere selbst sehen weder grüne Wiesen, noch Sonnenschein.

GAP-Strategieplan

Der bei der Europäischen Kommission eingereichte österreichische Strategieplan für die Umsetzung der gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) kam Ende März nach genauer Begutachtung mit einem 32-seitigen „Observation Letter“ und 251 Anmerkung zurück. Empfohlen wurden unter anderem eine stärkere Pestizidreduktion und größerer Fokus auf Klima- und Umweltschutz.

Zum Newsletter anmelden Newsletter schließen