Die Landwirtschaft muss mehr Wolfsrudel fordern!

Nach jahrelanger Lobbyarbeit der Wolfsgegner:innen prüft die EU den Schutzstatus des Wolfs. Warum dabei unwissenschaftliche Methoden zum Einsatz kommen und Nutztierhalter:innen eigentlich mehr Wolfsrudel in ihrer Umgebung fordern sollten – HIER!

Auf einen Blick

  • Österreich hat noch lange keinen guten Erhaltungszustand der Wölfe erreicht
  • Wolfsrudel lernen durch Herdenschutz, Nutztiere zu meiden, und geben dieses Wissen weiter
  • EU subventioniert Herdenschutz vollständig, aber Österreich nutzt das Angebot nicht
  • Aktuelle Gesetze erlauben schon jetzt ein gutes Wildtiermanagement

EU prüft Schutzstatus des Wolfs durch unwissenschaftliche Methoden

EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen kündigte an, den strengen Schutzstatus europäischer Wölfe zu prüfen. Bereits seit April 2023 erhebt die EU daher Daten von Sachverständigengruppen, Interessensträgern und den nationalen Behörden der Mitgliedsstaaten [1]. Der Aufschrei war groß, als die Kommission Anfang September zusätzlich „alle am Thema Interessierte [sic]“ dazu aufforderte in den darauffolgenden drei Wochen, Informationen und Beobachtungen zur Wolfsthematik zu schicken [2].

Auch Bürger:innen, ohne jegliche fachliche Expertise, konnten folglich vermeintliche „Daten“ liefern. Von der Leyen sprach zudem von einer potentiellen Gefahr der Wölfe für den Menschen [1] (lies HIER wie gefährlich der Wolf wirklich ist). NGOs und die Fachwelt waren über diese haltlosen Behauptungen entsetzt und kritisierten die fehlende Wissenschaftlichkeit der Datenerhebung scharf [2].

Aktuelle Regelungen lassen jetzt schon ausreichend Raum für Wolfsmanagement

Nach Ablauf der Eingangsfrist muss die Kommission nun über 17.000 Mails auswerten und will bis Ende des Jahres einen Abschlussbericht veröffentlichen [3]. Auf dessen Basis soll entschieden werden, ob der Schutzstatus des Wolfs in der sogenannten Flora-Fauna-Habitats-Richtlinie (FFH) aufgeweicht wird [4].

Bereits in den 90ern haben sich die EU-Mitgliedsstaaten auf die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie geeinigt, um gefährdete Tiere, Pflanzen und Lebensräume europaweit zu schützen. Je nach Schutzstatus ist die Bejagung mancher Arten, beispielsweise des Wolfs, ganzjährig untersagt. Auch absichtliches Stören, Fangen oder weitere Beeinträchtigungen sind verboten. Trotzdem gibt die FFH-Richtlinie den Ländern genügend Spielraum, um Problemtiere zu managen. Sollten alle Präventionsmaßnahmen scheitern, ist auch die Entnahme einzelner Tiere erlaubt [5].

Die EU-Kommission hat 2021 ihre Guidelines zur FFH-Richtlinie aktualisiert und alle Mitgliedstaaten im Zuge dessen erneut über effektive Managementmaßnahmen  und bestehenden Finanzierungsangebote informiert. Herdenschutzmaßnahmen wie Bezäunung, Behirtung, Herdenschutzhunde, Unterbringungsmöglichkeiten etc. können etwa zu 100 % durch die EU subventioniert werden, sofern die Mitgliedstaaten dieses Angebot für sich anfordern [6]. Auch das EU-Parlament betonte Ende 2022 abermals, dass die FFH-Richtlinie ein angemessenes Wolfsmanagement nicht behindere, sondern die effektive Umsetzung fehle. Es wies Kommission und Mitgliedstaaten dazu an, vorhandene finanzielle Unterstützung endlich zu nutzen und für die Landwirtinnen und Landwirte zugänglich zu machen [7]. Österreich ist diesem Aufruf bis jetzt nicht angemessen nachgekommen [8].

Wölfe sind ein Aushängeschild erfolgreicher Schutzmaßnahmen

Obwohl das Artensterben auch mit der FFH-Richtlinie bis jetzt nicht aufgehalten werden konnte, ist der Wolf wohl das prominenteste Beispiel erfolgreicher Schutzmaßnahmen. Während der letzten Jahrhunderte wurden Wölfe in den meisten europäischen Ländern vollständig ausgerottet. Doch durch den starken internationalen Schutz für die verbliebenden Randpopulationen gelang es den Tieren, große Teile ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes erneut zu besiedeln [9].

Die Large Carnivore Initiative for Europe der IUCN schätzt, dass mittlerweile wieder ca. 19.000 freie europäische Wölfe in 9 verschiedenen Populationen zu finden sind [10]. Wolfsgegner:innen nehmen diese Zahl gerne zum Anlass, einen aufgeweichten Schutzstatus der Tiere zu fordern [11]. Doch dabei sollte genau differenziert werden. Während der Wolfbestand insgesamt in Europa nicht länger gefährdet ist, bestehen manche Populationen noch immer erst aus wenigen Tieren, sind stark fragmentiert oder durch andere Umstände bedroht [12].

5 von 9 Wolfspopulationen sind weiterhin potenziell gefährdet

Die alpine Population etwa erstreckt sich über den westlich-zentralen Alpenraum und schließt Teile Italiens, Frankreichs, Österreichs und der Schweiz mit ein. Dennoch besteht sie immer noch aus erst ca. 1.900 Tieren und ist damit sehr anfällig, sollten Schutzmaßnahmen reduziert werden. Zusammen mit 4 anderen Populationen, ist auch die alpine damit weiterhin entsprechend der Roten Liste als „potenziell gefährdet“ eingestuft. Die wenigen hundert skandinavischen Tiere gelten aufgrund schlechter Managementpläne, wenig genetischer Vielfalt und starker Bejagung sogar als „gefährdet“ [12].

Hauptrisiko für unsere Wölfe ist der Verkehr, dicht gefolgt von legaler und illegaler Bejagung. Die Large Carnivore Initiative for Europe identifiziert aber noch weitere Probleme, die teils erst seit neuestem näher in den Fokus rücken. Darunter fallen die Klimakrise und ein zunehmender Unmut in der Bevölkerung, aber auch weniger offensichtliche Gefahren: Errichtete Zäune, um menschliche Migration zu stoppen, gefährdet auch die Wanderruten unserer tierischen Mitlebewesen. Zäune werden auch als Vorsorgemaßnahme gegen die Afrikanische Schweinepest gebaut und schneiden damit vor allem östliche Wildtierpopulationen ab. Noch neu ist auch die Sorge um Wolfshybride, die aktuell vor allem Wölfe im Süden und Osten Europas gefährdet [12].

Österreich hat noch lange keinen guten Erhaltungszustand des Wolfes erreicht

In Österreich leben aktuell geschätzt 50 Wölfe – entweder als Einzelgänger oder in einem der 7 ansässigen Rudel. Der Begriff Rudel ist in diesem Fall irreführend. Wir haben u.a. mit dem renommierten Wolfsforscher Kurt Kotrschal gesprochen und erfahren, dass 5 dieser „Rudel“ aus Paaren mit wechselnden Partnern bestehen und sich deshalb aktuell nicht fortpflanzen. Da Wölfe in der Regel mit ihren verpaarten Partnertieren lebenslang zusammenbleiben, wird vermutet, dass viele der Tiere illegal getötet werden (mehr zu Wildtierkriminalität in Österreich HIER).

Damit ist Österreich noch weit von einer stabilen und gut etablierten Wolfspopulation entfernt. Mit der FFH-Richtlinie hat sich auch Österreich dazu verpflichtet einen „günstigen Erhaltungszustand“ der Wölfe sicherzustellen [5]. Übertragen auf unsere Landesfläche und den zur Verfügung stehenden Lebensraum sind das einige duzend Rudel und ein paar hundert Wölfe [13].  Selbst in Deutschland, wo im Jahr 2021/22 etwa 1.175 Wölfe gezählt wurden, ist immer noch kein günstiger Erhaltungszustand erreicht worden. Dank intensiver Schutzmaßnahmen wurden die deutschen Populationen aber immerhin zuletzt als „sich verbessernd“ eingestuft [14].

Von Rudelbildung profitieren wir alle

Dass der Wolf gekommen ist, um zu bleiben, wird auch in Politikkreisen kaum noch diskutiert. Nun geht es daran ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben zwischen Menschen, Nutz- und Wildtieren zu ermöglichen [15], [16] . Viel geforderte „Wolfs-freie Zonen“, also Gebiete wo Wölfe automatisch abgeschossen werden dürfen [11], widersprechen nicht nur europäischen und nationalen Gesetzen. Das Vorhaben wäre auch nicht präventiv und in der Praxis kaum umzusetzen.

Um Nutztiere tatsächlich präventiv zu schützen, braucht es Herdenschutz und eine stabile Rudelbildung. Während Herdenschutz eine zuverlässige Sicherheitsmaßnahme von Seiten der Landwirtinnen und Landwirte ist, reduzieren etablierte Wolfsrudel die Anzahl unerfahrener Durchzügler, die noch nicht gelernt haben, sich von Nutztieren fernzuhalten. Wolfsrudel sind sehr territorial und halten Einzelgänger von ihren Revieren fern. Werden einzelne Wölfe oder sogar ganze Rudel abgeschossen, kann trotzdem nicht verhindert werden, dass neue Tiere zuwandern und abermals Schaden verursachen.

Wolfsrudel haben zudem noch einen gravierenden Vorteil: in Kombination mit Herdenschutzmaßnahmen lernen die klugen Tiere schnell, Nutztiere zu meiden. Dieses Verhalten wird innerhalb des Rudels Generation für Generation weitergegeben. Selbst wenn Jungwölfe ihrerseits erwachsen werden und auf die Suche nach eigenen Territorien gehen, nehmen sie dieses Wissen mit und gründen Rudel, die Nutztieren fernbleiben [7], [9], [10], [13], [16]–[18].

Fazit:

Ein reduzierter Schutzstatus des Wolfs würde bisherige Erfolge des Artenschutzes wieder gefährden. Gegen Wolfrisse ist einzig Herdenschutz eine nachhaltige präventive Schutzmaßnahme. Etablierte Rudel reduzieren zudem die Wahrscheinlichkeit für Schäden durch Durchzügler und geben ihre erlernte Scheu vor beschützten Nutztieren an ihre Nachkommen weiter. Etwaige Problemwölfe können auch mit den aktuellen legalen Rahmenbedingungen getötet werden.

 

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[1]        Europäische Kommission, „Wölfe in Europa: Kommission fordert die lokalen Behörden auf, die bestehenden Ausnahmeregelungen in vollem Umfang auszuschöpfen, und startet Datensammlung zur Überprüfung des Schutzstatus“. Zugegriffen: 6. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_23_4330

[2]        Der Standard und APA, „NGOs werfen von der Leyen ‚irreführende Infos über Wölfe‘ vor“. Zugegriffen: 6. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.derstandard.at/story/3000000186481/ngos-von-der-leyen-verbreitet-irref252hrende-infos-252ber-w246lfe

[3]        Salzburger Nachrichten und T. Sendlhofer, „Daten zum Wolf: EU-Kommission muss 17.000 Mails auswerten“, 2023.

[4]        „Wölfe in Europa“. Zugegriffen: 6. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_23_4330

[5]        Europäische Union, „RICHTLINIE 92/43/EWG DES RATES vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen“, 1992.

[6]        Europäische Kommission, „Mitteilung der Kommission Leitfaden zum strengen Schutzsystem für Tierarten von gemeinschaftlichem Interesse im Rahmen der FFH-Richtlinie“, Okt. 2021.

[7]        Europäisches Parlament, „European Parliament resolution of 24 November 2022 on the protection of livestock farming and large carnivores in Europe (2022/2952(RSP))“, Nov. 2022. [Online]. Verfügbar unter: https://rm.coe.int/inf45e-2022-wolf-assessment-bern-convention-2791-5979-4182-1-

[8]        Österreichzentrum Bär Wolf Luchs, „Prävention -­ Förderung“. Zugegriffen: 6. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://baer-wolf-luchs.at/hilfe-bei/praevention-foerderung

[9]        K. 1953- Kotrschal und Christian Brandstätter Verlag GmbH & Co KG, „Der Wolf und wir : wie aus ihm unser erstes Haustier wurde – und warum seine Rückkehr Chancen bietet“, 2022, Zugegriffen: 6. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.brandstaetterverlag.com/buch/der-wolf-und-wir/

[10]      Large Carnivore Initiative for Europe, „Assessment of the conservation status of the Wolf (Canis lupus) in Europe“.

[11]      „LK Kärnten fordert wolfsfreie Zone nach Vorbild Schwedens | Landwirtschaftskammer Kärnten“. Zugegriffen: 6. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://ktn.lko.at/lk-k%C3%A4rnten-fordert-wolfsfreie-zone-nach-vorbild-schwedens+2400+3679359

[12]      Boitani L, „Assessment of the conservation status of the Wolf (Canis lupus) in Europe“.

[13]      K. Kotrschal, „Fakten zum Wolf: Die aktuelle Lage in Österreich“. Februar 2022.

[14]      „Aktuelle Wolfszahlen: Bundesweit 161 Rudel bestätigt | BFN“. Zugegriffen: 4. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.bfn.de/pressemitteilungen/aktuelle-wolfszahlen-bundesweit-161-rudel-bestaetigt

[15]      L. D. Mech, „Costs of European Wolf and Human Coexistence“, doi: 10.1126/science.1257553.

[16]      IUCN, IUCN SSC guidelines on human-wildlife conflict and coexistence. International Union for Conservation of Nature, 2023. doi: 10.2305/YGIK2927.

[17]      J. L. Martin, S. Chamaillé-Jammes, und D. M. Waller, „Deer, wolves, and people: costs, benefits and challenges of living together“, Biological Reviews, Bd. 95, Nr. 3, S. 782–801, Juni 2020, doi: 10.1111/brv.12587.

[18]      „Häufig gefragt: Wolf | BFN“. Zugegriffen: 4. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.bfn.de/haeufig-gefragt-wolf

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