Das Leid verhindern – Neues Gutachten zur Qualzucht

Qualzucht bedeutet Tierleid

Als Qualzucht werden Tierzüchtungen bezeichnet, bei denen selektiv nach Merkmalen ausgelesen wird, die bei den Tieren Leid und Schmerzen verursachen. In Österreich sind solche Züchtungen, „die für das Tier oder dessen Nachkommen mit starken Schmerzen, Leiden, Schäden oder mit schwerer Angst verbunden sind“, laut § 5 Abs. 2 des Tierschutzgesetzes (TSchG) verboten. Trotzdem sind Qualzuchten im Alltag allgegenwärtig.

Brachyzephalie : Atemnot durch runder Kopf und kurzer Schnauze

Ein prominentes Beispiel ist die extreme Kurzköpfigkeit, auch Brachyzephalie genannt. Dabei werden Hunde und Katzen bewusst auf extrem kurze Schnauzen und einen breiten runden Kopf gezüchtet, um ihr Äußeres an das Kindchenschema anzupassen. Hunderassen, bei denen es zu Brachyzephalie kommt, sind unter anderem: Boxer, Englische- und Französische Bulldoggen, Chihuahua, Mops, Pekinesen, Shi-Tzu, Toy Spaniel, Yorkshire Terrier, Boston Terrier, Cavalier King Charles Spaniel, Affenpinscher, Belgische Griffons, Brabante Griffons, Brüsseler Griffons und Japan-Chin. Bei Katzen sind besonders Perserkatzen und Exotic Shorthair von Brachycephalie betroffen.

Da Brachyzephalie meist mit einer Veränderung der Schädelbasis einhergeht, führt sie häufig zu einer Unterentwicklung der Kaumuskulatur, Gebiss- und Kieferanomalien oder Atemwegsverengungen bei den betroffenen Tieren. Je nach Ausprägung können Symptome vielfältig sein:  von Atemnot, starkem Hecheln bei kleinster Belastung, Verringerung der Stress- und Hitzetoleranz durch Störung der Temperaturregulation, Hervorquellen der Augäpfel, bis hin zu Missbildungen der Schädeldecke. Die betroffenen Tiere sind daher häufig nicht in der Lage, Grundbedürfnissen, wie einem langen Spaziergang, oder intensivem Spielen mit Artgenossen, nachzukommen.  Auch verhindern die Kiefer- und Gebissfehlstellungen bei Hündinnen mit Brachyzephalie, dass sie ihre neugeborenen Welpen aus der Eihaut befreien und abnabeln können. [1]

Trotz den bekannten gesundheitlichen Problemen, ist in der Gesellschaft die Nachfrage nach kurznasigen Hunden groß. Gerade im Online-Geschäft boomt der Verkauf solcher brachyzephalen Rassen, die dafür meist aus Osteuropa importiert und unter furchtbaren Bedingungen gezüchtet und gehalten wurden. [2]

Initiativen gegen Qualzucht

Um das Leid von extrem kurznasigen Hunden zu stoppen, gibt es in den Niederlanden mittlerweile ein Gesetz, das die Zucht von Hunden verbietet, deren Nasenlänge nicht mindestens ein Drittel der Kopflänge beträgt. Auch in Österreich wurde dieses Jahr ein neues Gutachten erstellt, in dem konkrete Maßnahmen beschrieben werden, die der Gesetzgeber unternehmen sollte, um das bereits geltende Qualzuchtverbot konsequent in die Praxis umzusetzen: Dazu gehören unter anderem eine Bewilligungspflicht sowie ein verpflichtender Sachkundenachweis für alle ZüchterInnen, aber auch ein Zuchtverbot für einzelne Rassen, wenn beispielsweise innerhalb eines angemessenen Zeitraums keine deutliche Reduktion der Qualzuchtmerkmale zu erreichen sei. [3]

Ein internationales Projekt, welches dabei helfen soll, das in Österreich bestehende Qualzucht-Verbot durchzusetzen, ist das Qualzucht-Evidenz Netzwerk, kurz QUEN. QUEN ist eine wissenschaftsbasierte Plattform zur Qualzucht, die von der Tierschutzombudsstelle Wien, der Tierärztekammer Berlin, der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht, der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes, dem Schweizer Tierschutz und den deutschen Tierschutzbeauftragten der Bundesländer initiiert wurde. Ein wichtiger Bestandteil von QUEN ist Aufklärung über das Leiden von Tieren mit zuchtbedingten Defekten. Mit ihren Daten wollen die Beteiligten die TierärztInnen und Vollzugsbehörden mit den Informationen versorgen, die jene benötigen, um das Leid der betroffenen Tiere adäquat zu bewerten und gegebenenfalls Maßnahmen zu setzen.

Wer mehr über verschiedene Qualzuchten wissen möchte, kann sich dazu auch auf der Website von QUEN informieren: qualzucht-datenbank.eu

Quellen:

[1] Merkblatt-Hund-Brachycephalie

[2] Tieraerztekammer: Qualzucht und Tierleid stoppen

[3] www.tirup.at/periodical/titleinfo/6781248

Das könnte Sie auch interessieren

Weiße Hochzeitstauben – Symbol der Liebe ist Opfer der Tradition

Tauben sind äußerst intelligente Tiere. WissentschaftlerInnen konnten zum Beispiel zeigen, dass es möglich ist, Tauben beizubringen, unbekannte Gemälde von Picasso und Monet zu unterscheiden, indem sie den jeweiligen Kunststil zu identifizieren gelernt haben [5]. Außerdem werden die Vögel noch immer vielfältig eingesetzt, ob in Brieftaubenrennen oder als Hoffnungs- und Friedenssymbol bei Hochzeiten. Doch hinter den vermeintlich harmlosen Bräuchen versteckt sich oft viel Tierleid.

YouTube, Facebook und TikTok – Kümmert euch Tierquälerei?

Tierquälerei generiert im Internet viele Klicks und damit Geld. Erfahren Sie hier, warum Tierquälerei auf YouTube und Co. boomt, warum Großkonzerne sich gegen Maßnahmen sträuben, was es mit herzzerreißenden Tierrettungen wirklich auf sich hat und wie Sie selbst aktiv werden können!

INTERVIEW: Helga Widder – Tiergestützte Interventionen und ihre Bedeutung

Wir haben Helga Widder, stellvertretende Leiterin des Vereins „Tiere als Therapie“ (TAT) und Präsidentin des europäischen Dachverbands „European Society for Animal Assisted Therapy“ (ESAAT), über ihre Arbeit und Erfahrung interviewt. Wie aus einer kleinen Idee eine europaweite Bewegung entstanden ist, warum Listenhunde aus dem Tierschutzhaus Therapiebegleithunde wurden und mehr – HIER!

TSP-Blog_Titelbilder_Haustierabschüsse

Haustierabschüsse: Hunde und Katzen im Visier der Jagd

Rund 22.000 Menschen haben mit unserer Petition gegen Haustierabschüsse ein klares Zeichen gesetzt: Haustiere sind keine Zielscheiben. Dennoch erlaubt die Gesetzeslage in Österreich weiterhin ihren Abschuss auf fast der gesamten Staatsfläche. Was wir dagegen tun, bessere Lösungen und mehr – HIER!

Zum Newsletter anmelden Newsletter schließen