Brachflächen müssen brach liegen

Anlässlich des Ukraine-Kriegs hat die EU veranlasst, dass etwa 4 Mio. Hektar ökologisch wichtiger Brachflächen zur Lebensmittelgewinnung genutzt werden können. Ursprünglich sollte diese Erlaubnis nur auf 2022 beschränkt bleiben, doch nun hat die EU-Kommission beschlossen, Brachflächen auch für 2023 zur landwirtschaftlichen Nutzung freizugeben. Österreich hat der Verlängerung Ende Juli zugestimmt [1]. Warum damit nur ein kleiner Beitrag zur globalen Ernährungsversorgung gemacht wird und warum stattdessen besser auf den Futtermittelanbau und Bodenverbrauch verzichtet werden sollte, erklären wir heute.

Warum wir Brachen brauchen

Als Brachfläche wird ein über einen gewissen Zeitraum ungenutztes Grundstück definiert. In der Landwirtschaft sind das häufig Wiesen oder Acker. Diese bieten vielen Arten Schutz, die in den sonstigen Anbauflächen keine Überlebensmöglichkeit hätten, und gewährleisten eine Nahrungsgrundlage für geschützte und seltene Tiere. Deshalb zählen Brachen auch zu sogenannten Biodiversitätshotspots in den von Monokulturen geprägten Landwirtschaftsflächen [2].

Der Erhalt der Biodiversität ist dabei nicht nur für NaturliebhaberInnen erstrebenswert, sondern essenziell für unser Überleben. Die in Brachflächen lebenden Insekten sind unersetzlich, um unserer Nutzpflanzen zu bestäuben. Denn obwohl Honigbienen oft als Superbestäuber dargestellt werden, leisten sie nur einen kleinen Beitrag. Stattdessen sind es überwiegend verschiedene Wildbienenarten, die für eine effiziente Befruchtung sorgen [3]. Auch Schädlinge werden durch Brachen reduziert, da sie wichtigen Fressfeinden, z. B. Wachteln, Rückzugs- und Fortpflanzungsmöglichkeiten bieten. Nicht zuletzt können Brachen auch als Puffer gegen Bodenverlust oder den Eintrag von Betriebsmitteln wie Dünger und Schutzstoffe wirken und so umliegende Gewässer oder andere Gebiete schützen. Ihr Erhalt ist daher im Interesse aller [4].

Schutz wichtiger Brachflächen ausgesetzt

Um der drohenden Nahrungsmittelkrise durch den Ukraine-Krieg entgegenzuwirken, wurde der Schutz von Brachflächen Anfang des Jahres durch eine unionsweite Sonderregelung des GAP-Strategieplans teilweise umgangen [5]. Eigentlich wäre laut GAP-Strategieplan vorgesehen, dass Betriebe ab einer Ackerfläche von 10 Hektar, mindestens 4 % davon unberührt lassen müssen [6]. Die Ausnahmeregelung erlaubt es nun, EU-weit insgesamt 4 Mio. Hektar derjenigen Brachflächen, die als sogenannte ökologischer Vorrangflächen deklariert sind, zur landwirtschaftlichen Nutzung freizugeben [5].

Die Umsetzung erfolgt zwar freiwillig, doch viele Staaten nahmen das Angebot zumindest teilweise an. Deutschland erlaubte zum Beispiel nur den Anbau von Futtermitteln. Österreich hingegen gab seine ökologischen Vorrangflächen im vollen Umfang frei. Diese können damit beweidet und gemäht sowie mit jeglichen Ackerkulturen bepflanzt werden. Selbst der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist erlaubt [5].

Weniger Verbauung – mehr Lebensmittel für alle

Während in der Politik von einem wichtigen Beitrag zur globalen Ernährungsvorsoge geredet wird, legt der Österreichische Biodiversitätsrat ernüchternde Fakten gegen die Nutzung von Brachflächen vor: In Österreich werden aktuell etwa 9.000 Hektar Brachflächen als ökologischen Vorrangflächen gezählt, die oft erst wegen ihrer Lage oder weil sie nur schwer bearbeitet werden können, als Brachen ausgewiesen worden sind. Eine effektive Nutzung ist daher unwahrscheinlich. Selbst wenn es gelingen würde, zwei Drittel aller ökologischen Vorrangflächen, also rund 6.000 Hektar Land zusätzlich zu bestellen, würde die Anbaufläche von Getreide in Österreich nur um 0,81 % wachsen. Der Mehrgewinn an Lebensmitteln bliebe damit überschaubar [7].

Im Vergleich dazu verliert Österreich jährlich durchschnittlich 5.500 Hektar produktiver Böden durch Bautätigkeiten [7]. Das ist wenig überraschend, denn Österreich zählt was den Bodenverbrauch angeht seit Jahren zum europäischen Spitzenfeld. Rund 13 Hektar gehen dabei täglich verloren. Unsere verbaute Fläche wächst mittlerweile sogar dreimal schneller als unsere Bevölkerung [8]. NGOs und Wissenschaft fordern schon lange, diesem Flächenfraß Einhalt zu gebieten. Es ist absurd, dass einerseits die Nutzung von Brachflächen als dringend notwendig vorangetrieben wird, während anderorts produktive Böden im Übermaß verloren gehen. Besseres Management des Bodenverbrauchs könnte hingegen mehr Anbauflächen gewährleisten, ohne wichtige Brachflächen zu zerstören.

Weniger Tiermast – mehr Lebensmittel für alle

Außerdem werden etwa 62 % des verbrauchten Getreides innerhalb der EU nicht vom Menschen gegessen, sondern verfüttert und weitere 11,5 % landen in der Industrie, zum Beispiel als Biokraftstoff [9]. In Österreich fließen sogar rund 80 % der heimischen Getreideernte in Tiernahrung und Industrie. Nur etwa 19 % werden tatsächlich für die menschliche Ernährung genutzt [4]. Untersuchungen haben ergeben, dass für die Produktion von einem Kilogramm Fleisch, zwischen 2,8 Kg und 3,2 Kg direkt vom Menschen verzehrbare pflanzliche Produkte, zum Beispiel Sojabohnen oder Getreide, verwendet werden. Hinzu kommen Heu und Gras von Futterwiesen, die ebenso als Anbauflächen für menschliche Nahrung dienen könnten [10]. Würde Getreide nicht länger überwiegend als Futtermittel in der Tiermast verwendet werden, würden folglich mehr Nahrungsmittel verfügbar wären, als durch die Nutzung von ökologischen Vorrangflächen jemals erzeugt werden könnten.

ExpertInnen für Agrarökonomie und -politik in Rostock bestätigen dies und kamen ebenfalls zu dem Schluss, dass die erwartenden ökologischen Schäden durch die Nutzung von Brachflächen, jeglichen Gewinn übersteigen werden. Stattdessen gehört eine Reduktion des Fleischkonsums und damit des Futtermittelanbaus sowie der Umbau der Tierhaltung hin zu mehr Tierwohl zu einer ihrer zentralen Handlungsempfehlungen [9].

Fazit:

Brachen liefern einen entscheidenden Beitrag zum Biodiversitätserhalt und damit zu einer langfristigen Ernährungssicherheit. Die EU hat nicht ohne Grund erst in ihrem letztem GAP-Strategieplan zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft aufgerufen und den Schutz und die Ausweitung von Brachflächen forciert. Der jetzige Rückzug wird hingegen von ExpertInnen als kurzsichtig und unüberlegt kritisiert [7 & 10].

Weniger tierische Lebensmittel zu konsumieren und damit den Verbrauch an Futterflächen zu reduzieren sowie die Verbauung und Zersiedelung von landwirtschaftlich nutzbaren Flächen zu verhindern, würde eine um einiges effizientere und gleichzeitig nachhaltigere Landwirtschaft ermöglichen [7].

Quellen:

[1] top agrar Österreich. Kraml B. EU gibt Brachflächen für den Anbau frei. 24.03.2022. https://www.topagrar.at/management-und-politik/news/eu-gibt-brachflaechen-fuer-den-anbau-frei-13060067.html (aufgerufen: 08. 2022)

[2] Blühendes Österreich. Brache. https://www.bluehendesoesterreich.at/bauernlexikon/brache (aufgerufen: 08. 2022)

[3] Garibaldi LA, Steffan-Dewenter I, Winfree R, Aizen MA, Bommarco R, Cunningham SA, Kremen C, Carvalheiro LG, Harder LD, Afik O, Bartomeus I, Benjamin F, Boreux V, Cariveau D, Chacoff NP, Dudenhöffer JH, Freitas BM, Ghazoul J, Greenleaf S, Hipólito J, Holzschuh A, Howlett B, Isaacs R, Javorek SK, Kennedy CM, Krewenka KM, Krishnan S, Mandelik Y, Mayfield MM, Motzke I, Munyuli T, Nault BA, Otieno M, Petersen J, Pisanty G, Potts SG, Rader R, Ricketts TH, Rundlöf M, Seymour CL, Schüepp C, Szentgyörgyi H, Taki H, Tscharntke T, Vergara CH, Viana BF, Wanger TC, Westphal C, Williams N, Klein AM. Wild pollinators enhance fruit set of crops regardless of honey bee abundance. Science. 2013 Mar 29;339(6127):1608-11. doi: 10.1126/science.1230200. Epub 2013 Feb 28. Erratum in: Science. 2014 May 23;344(6186):816. PMID: 23449997.

[4] Netzwerk Biodiversität Österreich. ÖBDR strikt gegen Nutzung von 9.000 ha Brachflächen in Österreich. 20.05.2022.  https://www.biodiversityaustria.at/brachen/ (aufgerufen: 08. 2022)

[5] agrarheute. Österreich macht Brachflächen voll nutzbar. Graf U. 20.04.2022. https://www.agrarheute.com/politik/oesterreich-macht-brachflaechen-voll-nutzbar-592762 (aufgerufen: 08.2022)

[6] Landwirtschaftskammer Oberösterreich. GLÖZ 8 – Acker-Bracheflächen / Schutz von Landschaftselementen / Schnittverbot von Hecken und Bäumen GAP 2023. 01.08.2022.  https://ooe.lko.at/gl%C3%B6z-8-acker-brachefl%C3%A4chen-schutz-von-landschaftselementen-schnittverbot-von-hecken-und-b%C3%A4umen-gap-2023+2400+3575156

[7] Netzwerk Biodiversität Österreich. Verlängerung der Brachenfreigabe bis Ende 2023 gefährdet Artenvielfalt und langfristige Ernährungssicherheit. 04.08.2022. https://www.biodiversityaustria.at/verlangerung-brachenfreigabe/ (aufgerufen: 08.2022)

[8] Der Standard. Flächenverbrauch: Ein Land verliert den Boden. Pramer P. 03.07.2022.  https://www.derstandard.de/story/2000127374912/flaechenverbrauch-ein-land-verliert-den-boden  (aufgerufen: 08. 2022)

[9] Lakner S, Klümper W, Mensah K. Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen. 06.2022. Download: https://www.sarah-wiener.eu/wp-content/uploads/2022/06/STUDIE-Ukraine-Krieg-und-globale-Lebensmittelversorgung-WEB.pdf

[10] Anne Mottet, Cees de Haan, Alessandra Falcucci, Giuseppe Tempio, Carolyn Opio, Pierre Gerber, Livestock: On our plates or eating at our table? A new analysis of the feed/food debate, Global Food Security, Volume 14, 2017, Pages 1-8, ISSN 2211-9124, https://doi.org/10.1016/j.gfs.2017.01.001.