Biene

In den vergangenen Jahren sind hitzige Debatten darüber entbrannt, ob Wildtiere im Winter zugefüttert werden sollten. Im Zentrum der Diskussion steht vor allem die Fütterung von Rot- und Rehwild – beliebte Wildtiere für die Jagd. BefürworterInnen sprechen davon, durch gezielte Fütterung die Wildbestände von Agrarflächen fernzuhalten, Traditionen zu erhalten oder dem Image der „bösen Jagd“ entgegenwirken zu wollen. Auch erleichterte Bestandsregulierung und das Verhindern eines vermeintlich grausamen Hungertodes stünden im Vordergrund [1, 4]. In diesem Artikel wollen wir ein Paar dieser Argumente genauer beleuchten und auch der Frage nachgehen, wer von der Jagd eigentlich profitiert.

Bestandsregulierung – Eingriff in unser Ökosystem

Menschlich geführte Bestandsregulierung ist immer dann von Nöten, wenn eine Art sich in ihrem Lebensraum entweder nicht ausreichend vermehren oder nicht ausreichend dezimiert werden kann. In manchen Fällen haben Umweltzerstörung und Biodiversitätsverlust dazu geführt, dass Arten und Ökosysteme nur noch durch menschliches Eingreifen erhalten werden können.

Auch für Reh- und Rotwild wird besonders häufig betont, durch menschliche Einflüsse verlorengegangene Winterlebensräume und das damit einhergehende verringerte Nahrungsangebot kompensieren zu müssen [2]. Allerdings sind in Österreich, laut der Roten Liste der gefährdeten Tierarten, weder die Reh- noch die Rotwildbestände bedroht [3]. In solchen Fällen führt das bewusste Zufüttern unweigerlich zu einem großen Problem: Dem Wegfall der natürlichen Selektion.

Natürliche Selektion bedeutet, dass normalerweise durch harsche Winter, begrenzte Nahrungsmöglichkeiten oder Jagddruck hauptsächlich gut angepasste und gesunde Individuen überleben und sich fortpflanzen können. Natürliche Selektion mag auf den ersten Blick grausam erscheinen, aber sie ist eine der Grundvoraussetzungen für eine gesunde, selbstständige Population und damit für ein gesundes Ökosystem. Durch die menschliche Winterfütterung überleben hingegen auch Individuen, die ansonsten nicht stark genug wären. Fehlende natürliche Feinde, wie Wolf, Luchs und Bär, verringern die Selektion und vergrößern das Problem damit weiter. Das Resultat sind wachsende Populationen die kränkeln und auf lange Sicht nicht mehr selbständig überlebensfähig sind.

Tierschutzgedanke – Verhungert unser Wild tatsächlich?

Obwohl die kalte Jahreszeit zu den wichtigsten natürlichen dezimierenden Faktoren unserer Natur zählt, überleben gesunde Wildtiere auch in starken Wintern ohne menschliche Zufütterung. Die Evolution hat die Physiologie unserer heimischen Wildtiere dafür bestens angepasst, lange bevor der Mensch begonnen hat, sich Sorgen um das Verhungern der Tiere zu machen. Bei Kälte und Schnee werden Rehe und Hirsche weniger aktiv, ruhen viel und fahren ihren Stoffwechsel herunter. Dazu gehört auch, dass sich ihr Verdauungssystem auf die weniger energiereiche Nahrung umstellt. Gesunde Individuen können problemlos mehrere Wochen ein knappes Nahrungsangebot überstehen, sofern sie Ruhe bekommen und nicht durch Wintersport oder ähnliches regelmäßig gestört und aufgeschreckt werden.

Zudem finden die gut angepassten Tiere ein reichhaltiges natürliches Nahrungsangebot: Ist die Schneedecke nicht hoch, werden Bodenvegetation, wie Brombeeren, Moose, Gräser und mehrjährige Stauden leicht durch etwas Scharren freigelegt. Auch Eicheln, Bucheckern und Kastanien sind einfach zu erreichen. Ist die Schneedecke hoch, bleibt der Futtertisch trotzdem nicht gänzlich ungedeckt. Durch Wind und Schneebruch fallen Flechten, Äste und teilweise ganze Bäume herab. Eine höhere Schneedecke ermöglicht außerdem den Zugang zu niedrighängenden Trieben und Ästen mit nährreichen Knospen [4].

Waldpflege und -Nutzung beeinflussen das winterliche Nahrungsangebot dabei stark. Etwa lassen Durchforstung und eine Auflockerung des Kronendaches bei dichten Waldbeständen, mehr Licht und Wärme auf den Boden, wodurch eine ausgeprägtere Kraut- und Strauchschicht wachsen kann. Diese ursprünglicher strukturierten Lebensräume sind die „natürliche Fütterung“, die der Mensch bieten sollte und mit deren Hilfe die Tiere auch bei weitem gesünder von menschlich genutzten Regionen weggelenkt werden können [5].

Häufigste Todesursachen im Winter: Futter- und Fütterungsfehler

Die menschliche Wildtierfütterung ist nicht mit dem sonstigen natürlichen Winternahrungsangebot vergleichbar. Nicht nur, dass die Tiere ihren Stoffwechsel wieder hochfahren müssen, um die energiereichere Kost zu verdauen, und folglich beim Ausbleiben von Futter schnell den umliegenden Wald in großem Maße schädigen oder Verhungern, Fehler bei der Wildtierfütterung stellen eine riesige Gefahr für die empfindlichen Mägen der Wiederkäuer da. Fütterungs- und Futterfehler sind auch heute noch die häufigsten Todesursachen für Rehe und Hirsche im Winter [6].

Die gefährlichste und zugleich leider auch häufigste fütterungsbedingte Erkrankung ist die Pansenazidose (Pansenübersäuerung). Stärkereiches, leicht verdauliches Futter, wie Getreide, Mais oder Brot, dem es zudem an Ballaststoffen fehlt, reduziert die natürliche Wiederkautätigkeit und sorgt zugleich für ein starkes Absinken des pH-Wertes im Pansen der Tiere. Folglich werden die empfindlichen Pansen-Mikroben, die für die Verdauung unerlässlich sind, schwer geschädigt. Gefährliche Bakteriengiftstoffe entstehen, gelangen schließlich in den Blutkreislauf und führen zum Tod der Tiere [6].

Wird hingegen zu viel Eiweiß gefüttert, entsteht leicht eine Eiweißvergiftung. Verfault das Futter durch hohe Feuchtigkeit, bevor die Tiere es vollständig gefressen haben, kommt es zur Pansenalkalose (Pansenfäulnis.). Durch die hohe Pilzbelastung in verschimmeltem Futter kann dies zu einer Mykotoxinvergiftung führen. Auch ein abrupter Futterwechsel oder ein gelegentliches Ausbleiben der Fütterung schädigt die Pansenflora nachhaltig [6].

Wildtierfütterung schadet auch der Land- und Forstwirtschaft

Fütterungs- und Futterfehler sollen und können keinen natürlichen Selektionsprozess ersetzen. Obwohl es zu Ausfällen kommt, wachsen die Reh- und Rotwildpopulationen unnatürlich und belasten neben dem Ökosystem auch Land- und Forstwirtschaft. Obwohl oft damit argumentiert wird, durch Winterfütterung Reh- und Rotwild bewusst von menschlich genutzten Agrar- und Forstflächen fernzuhalten, begünstigen unnatürlich große Populationen das Gegenteil: Ranghöhere Tiere treiben rangniedrige von Fütterungsstellen ab, worauf diese auf natürliche Futterquellen zurückgreifen müssen [4]. Der Schaden wird noch verstärkt, wenn die Tiere durch Zufütterung an Reviere gebunden werden, die eigentlich nicht das notwendige Futteraufgebot bieten können und bei ausbleibender menschlicher Fütterung viele Tiere Hunger bedingt Alternativen suchen.

Krankheitsrisiko Wildtierfütterung

Internationale Studien sprechen sich ebenfalls meist gegen eine Zufütterung aus [10, 11, 12]. Grund ist vor allem das erhöhte Infektionsrisiko, das an Futterplätzen entsteht, denn die Fütterung führt unweigerlich zu einer großen Ansammlung von Tieren, die sich sonst in freier Wildbahn nur selten begegnen würden [11]. Im Yellowstone Nationalpark kann beispielsweise trotz Maßnahmen, wie Impfen, Testen und bei Befall Schlachten, Brucellose, ausgelöst durch das Bakterium Brucella abortus, nicht in den Griff bekommen werden. Zugefütterte Elchherden, die regelmäßig fremde Tiere an Futterstellen treffen, sind dabei deutlich stärker befallen als ungefütterte [12].

Österreich gilt aktuell als Brucellose-frei, große Sorge macht man sich aber auch hierzulande wegen CWD, der Chronischen Auszehrkrankheit (engl.: Chronic Wasting Disease). Dabei handelt es sich um eine Prionenkrankheit, ähnlich wie BSE, die aktuell Hirsche, Elche und Rentiere befällt. Ausgehend von der USA, verbreitet sich die Krankheit mittlerweile auch in Europa und kann jeden Fütterungsstandort zu einem gefährlichen Krankheitsherd machen. Ist ein Tier erst infiziert, endet CWD stets tödlich. Die Angst ist groß, dass CWD sich, wie bereits BSE, zu einer Zoonose entwickeln und auch Menschen befallen könnte [10].

Wer profitiert?

Um die Populationsgesundheit zu erhalten und eine Zerstörung der land- und forstwirtschaftlichen Flächen zu verhindern, schießen menschliche JägerInnen jährlich Zehntausende Tiere [2, 8]. Alleine für das Jahr 2020/21 gibt Statistik Austria an, dass 54.240 Stück Rotwild und 285.610 Stück Rehwild erlegt wurden [9].

Da Wildtierfütterungen also sowohl das Tierwohl, als auch das Wohl der Umwelt stark negativ beeinflussen können, bleibt die Frage wer, wenn nicht das Wild, profitiert davon? Der Verdacht liegt nahe, dass die Wildtierfütterung auf ökonomischen Gewinn abzielt. Wild wird in Österreich stark wirtschaftlich genutzt. Jagdurlaube zählen zu teuren Luxusbeschäftigungen, bei denen oft nicht nur Rot- und Rehwild, sondern auch Murmeltiere, Gämsen, Auerhühner etc. angeboten werden. Einen einzelnen Rothirsch zu erlegen, kann dabei, je nach geschätzter Qualität des Tieres, mehrere Tausend Euro kosten [14, 15].

Auch Wildfleisch, genannt Wildbret, ist aktuell sehr gefragt und wird als ursprünglich, gesund, regional und nachhaltig vermarktet – ohne Tiertransporte, Massentierhaltung und Schlachthöfe [16] (cite Bergwild). Ungeachtet dessen, dass ein großer Teil, des in der Gastronomie angebotenen Wildfleisches, aus ausländischer Gatterhaltung stammt und dass 2018 in einer österreichischen Studie mehr als ein Sechstel des Fleisches durch entsprechende Munition Blei belastet gewesen war [17]. Eine Kennzeichnungspflicht über die genaue Herkunft und die genutzten Munition fehlt.

Selbst in Nationalparks, wo Tierwohl und Artenschutz hoch geschrieben werden, sind Wildtierfütterungen beliebte Attraktionen, die die ganze Familie anlocken und für die Eintritt verlangt werden kann [18].

Fazit:

Wildtierfütterung befeuert einen Teufelskreis: Wildbestände wachsen durch menschliches Eingreifen und müssen dann durch Menschenhand wieder reduziert werden. Dabei schadet diese Zufütterung der natürlichen Anpassung der Tiere und ist nicht mit einem Tierschutzgedanken vereinbar. Außerdem sollte, gerade in der aktuellen Zeit, wo die Gefahr von Zoonosen abermals anhand einer globalen Pandemie gezeigt wurde, schon das Infektionsrisiko an Futterstellen Grund genug sein, um eine dauerhafte winterliche Wildtierfütterung gründlich zu überdenken. Profit darf dabei nicht über menschlicher und tierischer Gesundheit stehen.

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Quellen:

[1] Univ. Doz. Dr. Armin Deutz (2014): Wildfütterung – warum, wann, wie? 

[2] Mooji J.: Natur durch Regulation? Wie viel Mensch braucht die Natur?. Schriftenreihe Haus Ruhrnatur Band 2.

[3] Rote Liste gefährdeter Tierarten

[4]: Jagd in Tirol. Wildtiere auf Nahrungssuche im Schnee. Traube Miriam. 02.2019.

[5] Blauer Kreis: Muss unser Wild in der Not gefüttert werden?. Völk Friedrich, Reiner Rudolf, Langmair-Kovàcs Susanne. 01. 2021.] [6]: Der Fortschrittliche Landwirt. Sonderbeilage: „Rehwild Füttern“. Rehwild füttern! Wenn ja, dann richtig!. BERGLER Franz, DAVID Marjan, ERBER Josef, GAHR Franz, GASTEINER Hans, HACKLÄNDER Klaus, KLANSEK Erich, LEITNER Alexander, RESCH Reinhard, ROTHMANN Georg. 2014.

[7] Deutz A.: Sinn und Unsinn der Rotwildfüttung. Zusammenfassung eines Referates. Ebersdorf. 2014.

[8] Reimoser F. Leistungen der Jagd für die Gesellschaft. 23. Österreichische Jägertagung 2017, 55 – 62. ISBN 13: 978-3-902849-46-5

[9] Statik Austria. (aufgerufen 01. 12. 2021)

[10] Sorensen A, van Beest FM, Brook RK. Impacts of wildlife baiting and supplemental feeding on infectious disease transmission risk: a synthesis of knowledge. Prev Vet Med. 2014 Mar 1;113(4):356-63. doi: 10.1016/j.prevetmed.2013.11.010. Epub 2013 Nov 26. PMID: 24365654.

[11] Campbell TA, Long DB, Shriner SA. Wildlife contact rates at artificial feeding sites in Texas. Environ Manage. 2013 Jun;51(6):1187-93. doi: 10.1007/s00267-013-0046-4. Epub 2013 Apr 23. PMID: 23609307.

[12] Cotterill GG, Cross PC, Cole EK, Fuda RK, Rogerson JD, Scurlock BM, du Toit JT. Winter feeding of elk in the Greater Yellowstone Ecosystem and its effects on disease dynamics. Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci. 2018 May 5;373(1745):20170093. doi: 10.1098/rstb.2017.0093. PMID: 29531148; PMCID: PMC5882999.

[13] BR24. Von Liebe S. „Zombie-Krankheit“ CWD: Ansteckungsgefahr für Menschen unklar.

[14] Hotel Alpenkönigin: Jagdurlaub im Paznauntal.(aufgerufen: 23. 12. 2021, um 14:33)

[15] Gartenhotel Crystal: Jagdurlaub in Tirol – Zillertal. (aufgerufen: 23. 12. 2021, um 14:35)

[16] Bergwild. (aufgerufen: 23. 12. 2021, um 14:25)

[17]  Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (BMASGK) & Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH (AGES). Wildbret- und Erzeugnisse: Kontrolle auf Schwermetalle und Radioaktivität. Endbericht der Schwerpunktaktion A-053-172018.

[18] Rotwildfütterung im Bodinggraben. (aufgerufen: 23. 12. 2021, um 14:30)