INTERVIEW: Helga Widder – Tiergestützte Interventionen und ihre Bedeutung

Wir haben Helga Widder, stellvertretende Leiterin des Vereins „Tiere als Therapie“ (TAT) und Präsidentin des europäischen Dachverbands „European Society for Animal Assisted Therapy“ (ESAAT), über ihre Arbeit und Erfahrung interviewt. Wie aus einer kleinen Idee eine europaweite Bewegung entstanden ist, warum Listenhunde aus dem Tierschutzhaus Therapiebegleithunde wurden und mehr – HIER!

Was sind tiergestützte Interventionen und wie können Tiere in diesem Kontext helfen?

Generell sind tiergestützte Interventionen z.B. therapeutische oder pädagogische Ansätze, bei denen Tiere zum Einsatz kommen. Mittlerweile gibt es tausende Studien zur Wirkung von tiergestützten Interventionen. Tiere helfen emotionale Bindungen auf- sowie Stress abzubauen, das menschliche Wohlbefinden zu steigern, haben gesundheitlichen Einfluss und so weiter.

Als Partner auf Augenhöhe können Tiere bei unterschiedlichsten physischen und psychischen Therapien, Förderungen, Trainings etc. unterstützen. In Altersheimen, auf Kinderstationen und in vielen anderen Gesundheitsbereichen setzt man deshalb bereits erfolgreich auf tiergestützte Interventionen.

Welche Tiere werden in tiergestützten Interventionen eingesetzt?

Wir bei TAT kooperieren mit einer breiten Palette von Tieren. Die Klassiker sind Hunde und Katzen. Hunde erkennen beispielsweise menschliche Emotionen besonders gut und können auf sie reagieren, was in therapeutischen Kontexten sehr wertvoll ist. Aber auch Hühner, Schafe, Schweine, Ziegen und sogar Achatschnecken kommen zum Einsatz.

Alle Tiere müssen natürlich sorgfältig vorbereitet werden. Es ist von größter Bedeutung, dass sie für diese Arbeit charakterlich geeignet und gut ausgebildet sind. Zusätzlich müssen sie regelmäßig tierärztlich untersucht werden, zum Beispiel mit Kotproben, um sicherzustellen, dass keine gesundheitlichen Risiken bestehen.

Sie haben die Bedeutung der Ausbildung betont. Was kann man sich darunter vorstellen?

Ja, eine adäquate Ausbildung ist äußerst wichtig, da sie nicht nur die Qualität der tiergestützten Interventionen sicherstellt, sondern auch das Wohl von Menschen und Tieren schützt. Tiere sind unsere gleichberechtigten Partner, deshalb sollten diejenigen, die professionell mit ihnen arbeiten, über eine angemessene Expertise verfügen.

Unsere Hunde werden beispielsweise zu sogenannten Therapiebegleithunden ausgebildet. Umgangssprachlich hört man oft den Begriff „Therapiehunde“, aber das ist nicht ganz richtig. Die Tiere begleiten eine Therapie, therapieren die Patientinnen und Patienten aber nicht selbst.

Wichtig ist, dass auch ein Therapiebegleittier zu nichts gezwungen wird. Wenn das Tier nicht will, dann muss es auch nicht. Es muss nicht erdulden, dass zum Beispiel ein Fremder von oben kommt und es anfasst. Im Einsatz wird der menschliche Partner deshalb geschult, Grenzen zu erkennen und konsequente Maßnahmen zu setzen.

Sie sind Gründungsmitglied des Vereins „Tiere als Therapie“ (TAT). Wie sind Sie zu tiergestützten Interventionen gekommen?

Vor über 30 Jahren erfuhr ich in einer Zeitungsannonce, dass Biologin Dr. Gerda Wittmann Menschen mit freundlichen Hunden suche. Frau Wittmann hatte in Australien gesehen, dass Tiere zu Therapiezwecken eingesetzt werden können, und wollte dies auch in österreichischen Altersheimen umsetzen. Meine damalige Hündin war besonders freundlich und ich dachte, dies könnte eine großartige Möglichkeit sein, sie ihre Liebe zu Menschen ausleben zu lassen. Im Grunde ist hier der Grundstein für Tiere als Therapie gelegt worden.

Der Anfang war nicht leicht. Zu dieser Zeit war es äußerst schwierig, mit eigenen Tieren in Krankenhäuser oder Pflegeheime zu gelangen. Man muss sich vorstellen, damals durfte man noch nicht einmal seine eigenen Kinder im Krankenhaus besuchen. Aber Gerda Wittmann hat hunderte Briefe an Institutionen geschrieben. Mit Erfolg! Schließlich konnten wir im Pflegeheim Lainz, der damals größten europäischen Pflegeanstalt, anfangen zu arbeiten.

Das erste Jahr trafen wir die Patientinnen und Patienten nur im Garten bei Schönwetter. Die Hunde mussten dabei dauerhaft Maulkorb tragen – den haben wir uns als erstes wegdiskutiert, denn die Haut alter Leute ist oft sehr dünn und empfindlich. Mit dem Maulkorb ist hier das Verletzungsrisiko viel größer als mit einer weichen Hundenase.

Unsere Arbeit ist dann schnell sehr beliebt geworden. Wir entwickelten uns von einer einfachen Arbeitsgruppe zu einem Verein und arbeiteten so gut wie alle gültigen Standards für tiergestützte Interventionen aus. Heute besuchen wir fast 100 Institutionen und haben bereits über 15.000 Mensch-Tier-Teams ausgebildet. Trotz ca. 500.000 Einsätzen kam es dabei noch zu keinem einzigen negativen Zwischenfall. Das System unseres Trainings und unserer Auslese scheint also zu funktionieren.

Sie haben zusätzlich auch den Dachverband „European Society of Animal-Assisted Therapy“ (ESAAT) mitaufgebaut. Warum auch noch diese europäische Initiative?

Der damalige TAT-Obmann Prof. Josef Leibetseder, ehemaliger Rektor der Vetmed, erkannte, dass vor allem im osteuropäischen Raum viel Interesse an tiergestützten Interventionen wäre, aber noch viel Unterstützung nötig ist und dass es für alle, die in diesem Bereich arbeiten, dringend einheitlichere Richtlinien braucht. Um Standards für tiergestützte Interventionen in ganz Europa zu etablieren, wurde deshalb 2004 ESAAT gegründet.

Unser großes Ziel ist ein europaweit einheitliches Berufsbild für tiergestützte Interventionen. Wir von ESAAT haben deshalb bei der EU unsere Forderung dafür eingereicht. Aber obwohl die EU Interesse daran hat, müssen wir zuerst in unserem eigenen Land ein Berufsbild etablieren, bevor es auf europäischer Ebene verankert werden kann. Glücklicherweise haben wir bei TAT bereits das Curriculum zu unserem Diplomlehrgang ausgearbeitet und sind jetzt bemüht, darauf aufbauend ein Berufsbild für Österreich zu schaffen.

Sie sprechen einen Diplomlehrgang an. Welche Ausbildungsmöglichkeiten gibt es für tiergestützte Interventionen?

Früher waren tiergestützte Arbeitsweisen nur Weiterbildungen für Personen, die meist ohnehin bereits pädagogisch oder therapeutisch im Gesundheitswesen tätig waren. Wir von ESAAT haben das gesamte Konzept von tiergestützten Interventionen, auch die Definitionen, anhand des internationalen Klassifikationssystem der WHO überarbeitet und modernisiert. Auf Basis dessen bietet TAT mehrere Ausbildungsmöglichkeiten an:

Wir unterscheiden klar zwischen Fachkräften und Personen mit Basisausbildung für tiergestützte Interventionen. Die Basisausbildung entspricht etwa 10 ECTS, also ungefähr 250 Arbeitsstunden. Leute, die mit ihren Tieren die Basisausbildung absolviert haben, sind berechtigt tiergestützte Aktivitäten anzubieten. Sie gehen also in verschiedene Institutionen oder arbeiten im eigenen Berufsfeld tiergestützt. Dabei werden sie von einer Fachkraft angeleitet und unterstützt. Die Fachkräfteausbildung ist ein 2-jähriger Diplomlehrgang mit ca. 1500 Arbeitsstunden. Sie ist also deutlich umfangreicher.

Welche Hürden und Herausforderungen sehen Sie für tiergestützte Interventionen?

Wie ich schon mehrmals betont habe, besteht unsere größte Herausforderung aktuell darin, ein europaweit einheitliches Berufsbild für tiergestützte Interventionen zu schaffen. Wir haben bereits viel erreicht, aber es gibt immer noch einiges zu tun.

Darüber hinaus sollten tiergestützte Interventionen stärker in Bildungseinrichtungen integriert werden, um sicherzustellen, dass Kinder von klein auf den richtigen Umgang mit Tieren lernen. Dies ist nicht nur im Sinne der Prävention, sondern auch des Tierschutzes. Viele Unfälle mit Tieren könnten vermieden werden, wenn die Menschen besser geschult wären.

Wir von TAT haben dafür auch ein Projekt beim Sozialministerium eingereicht, mit dem Ziel, dass jeder Institution, die tiergestützte Interventionen einsetzen will, das auch möglich sein soll. Dafür muss das Angebot bekannter, mehr Möglichkeiten der Ausbildung geschaffen und schlussendlich auch mehr Personal finanziert werden.

Sie haben bei uns im Tierschutzhaus das Projekt „Vom Tierheimhund zum Therapiehund“ gestartet, worum ging es da?

Eure Präsidentin, Madeleine Petrovic, und ich hatten 2014 die Idee, der Welt zu zeigen, dass auch Listenhunde aus dem Tierheim großartige Begleittiere sind und starteten „Vom Tierheimhund zum Therapiehund“. Es gab zwei Ziele: Die Hunde entweder als Therapiebegleithunde einzusetzen oder ihre Vergabechancen durch die Ausbildung zu erhöhen.

Insgesamt haben 14 Listenhunde teilgenommen, die teils schon jahrelang im Tierschutzhaus gewesen sind und als unvermittelbar gegolten haben. Bei TAT wurden die engagierte Betreuungspatinnen und Paten in der Theorie ausgebildet, bevor das praktische Training mit den Hunden angefangen hat. Zuerst haben wir nur kleine Fortschritte gemacht. Doch dann kam dieser magische Moment, wo von Training zu Training auf einmal riesige Veränderungen stattgefunden haben.

Und plötzlich waren diese Hunde sehr begehrt. Einer nach dem anderen wurde vermittelt und binnen 14 Monaten sind alle dieser zuvor schwer vermittelbaren Langsitzer in ihr Zuhause gezogen. Ein, zwei sind auch den Therapiebegleithundeweg gegangen. Kurzum: Das Projekt war großartig, ich bekomme noch heute Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke.

Abschließend, welche Botschaft möchten Sie unseren Leser:innen mit auf den Weg geben?

Wir müssen die Verdienste der Tiere viel höher schätzen. Österreich hat sich dazu verpflichtet, Mensch, Tier und Umwelt zu schützen. Aber an der Umsetzung hapert es. Was wir unseren Mitlebewesen zum Beispiel in der Nahrungsmittelindustrie antun, ist unbeschreiblich grausam. Außerdem versiegeln und verbauen wir immer mehr Natur und zerstören Lebensräume. Dabei leisten Tiere einen unschätzbaren Beitrag zu unserem Wohlbefinden und es ist an der Zeit, dies anzuerkennen und zu würdigen.

Wir sind Teil eines One Health-Systems, bei dem Mensch und Tier eine Einheit bilden. Auch Tiere haben Gefühle und soziale Funktionen und ein Recht darauf, dass ihre Bedürfnisse respektiert werden. Wir alle müssen also sicherstellen, dass unsere Gesellschaft Tiere angemessen behandelt und schützt – auch politisch.

Helga Widder ist Gründungsmitglied, stellvertretender Vorsitzende und Geschäftsführerin von „Tiere als Therapie“ (TAT) sowie „Tiere als Therapie Wissenschaft – und Ausbildungszentrum“ (TAT-WAZ). Seit mehr als 30 Jahren ist die tierschutzqualifizierte Hundetrainerin als geprüfte Fachkraft für tiergestützte Therapie und TAT-Tiertrainerin im Einsatz.

Helga Widder hat zudem den europäischen Dachverband „European Society for Animal Assisted Therapy“ (ESAAT) mitaufgebaut und leitet ESAAT als Präsidentin. Als Referentin für tierschutzqualifizierte Interventionen ist sie im In- und Ausland tätig.

Mehr Informationen zu tiergestützten Interventionen und der Ausbildung dazu HIER!

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