Das Leben einer Milchkuh

Das Leben einer Milchkuh ist getaktet. Die Tiere sind auf Hochleistungen gezüchtet und sterben nur drei Jahre, nachdem sie das erste Mal Milch gegeben haben. Wie lebt eine durchschnittliche Milchkuh in Österreich, welche Alternativen gibt es und vor allem, hättest Du das gewusst?

Kalb

Kälber werden früh von ihren Müttern getrennt und enthornt

Wenn eine zukünftige Milchkuh als weibliches Kälbchen zur Welt kommt, waren bereits Generationen vor ihr für die Milchproduktion eingesetzt worden. Für gewöhnlich bleibt das kleine Kalb nur ein paar Stunden bis wenige Tage bei seiner Mutter. Anschließend wird es für den geringeren Aufwand, den eine solche Haltung bedeutet, in Einzelboxen oder zusammen mit Gleichaltrigen gehalten und von seiner Mutter separiert [1]. Diese frühe Trennung soll auch den Verlustschmerz bei Mutter und Kalb reduzieren, da lange angenommen wurde, die Mutter-Kind Bindung sei erst nach mehreren gemeinsamen Tagen stark ausgeprägt. Mittlerweile haben Untersuchungen das widerlegt [2,3,4,5]. Mutter und Kalb rufen selbst nach Tagen noch nacheinander [6].

Für das Kälbchen bringt dieser frühe Verlust noch weitere Probleme mit sich. Neben der psychischen Belastung durch die Trennung selbst, fehlt ihm eine angemessene Sozialisierung [2,3]. Rinder sind höchstsoziale Herdentiere mit komplexen Bindungen, Freundschaften und Hierarchien untereinander [7]. Besonders wenn das Jungtier in sogenannten Kälberboxen einzeln gehalten wird, hat es keine Möglichkeiten arttypische Verhaltensweisen zu erlernen. Später, wenn das Kälbchen wieder mit anderen Rindern vergesellschaftet wird, kann diese fehlende Sozialisation für Missverständnisse und damit zu Konflikten in der Herde führen [4]. Eigentlich müssen in Österreich Landwirtinnen und Landwirte ihre Kälber mit spätestens 8 Wochen zumindest wieder in einer Gruppe Gleichaltriger halten. Es gibt aber auch Ausnahmen, zum Beispiel, wenn weniger als 6 Jungtiere im Betrieb leben, oder wenn die Muttertiere ihre Kälber ausnahmsweise selber säugen [1].

Hörnen sind in der Rinderhaltung heute meistens ungewünscht. Da den meisten Milchkühe aber nach wie vor Hörner wachsen würden, werden die Hornanlagen der Kälbchen deshalb oft frühzeitig mittels Brennstäbe verödet. Sicherheitsrisiken für Landwirtinnen und Landwirte und andere Rinder sollen dies rechtfertigen, aber auch wirtschaftliches Interesse steht dahinter. Zum einen ist die Nachfrage nach behornten Rindern geringer und damit auch ihr Verkaufswert. Zum anderen könnte mehr Platz in den Stallungen die Verletzungsgefahr der Tiere untereinander reduzieren, was allerdings einen weniger dichten Tierbestand voraussetzen würde [8].

Milchersatz statt Muttermilch

Natürlich wäre für ein Kalb eine Säugedauer von acht Monaten. Oft wird den Kälbern aber bereits nach wenigen Tagen keine Muttermilch mehr gefüttert, um diese stattdessen in der Milchindustrie verwerten zu können [9]. Das macht Probleme. Um selbst ein starkes Immunsystem aufzubauen, sind kleine Kälber auf die Abwehrstoffe der Muttermilch angewiesen. Stattdessen gibt es für sie bereits wenige Tage nach der Geburt Milchersatz zu trinken, sogenannte Milchaustauscher. Mit Wasser angerührt, liefert der Ersatzbrei zwar mehr als genügend Nährstoffe und Kalorien, um besonders schnelles Wachstum und optimale Milchleistung für die zukünftigen Milchkühe zu gewährleisten, es fehlt aber an notwendigen Abwehrstoffen [5]. Aus Kostengründen werden oft auch Palmöl oder andere pflanzliche Fette dem Milchersatz beigemischt [10].

Gefüttert werden die Kälbchen oft aus Melkkübeln mit Saugvorrichtungen. Leider entwickeln einige Tiere dadurch Verhaltensauffälligkeiten und „Besaugen“ deshalb Gegenstände und später auch Artgenossen. Stress und Fütterungsfehler verstärken dieses Verhalten, während eine gemeinsame Aufzucht mit der Mutter das Besaugen reduzieren könnte [3].

Kühe sind auf Hochleistungen gezüchtet und lebenslang schwanger

Sobald das kleine Rind geschlechtsreif wird, nennt man es Kalbin. Mit ca. eineinhalb Jahren wird sie dann das erste Mal künstlich besamt und bringt nach einer neun-monatigen Trächtigkeit selbst ihr erstes Kalb zur Welt. Ab da ist sie eine offizielle Milchkuh und wird das erste Mal gemolken. Doch bereits 2,5 Monate nach der Geburt wird sie wieder besamt [1]. Häufig sorgen eigene Hormontherapien dafür, dass der Eisprung der Kühe induziert und vorausgeplant werden kann [11]. Zukünftig wiederholt sich dieser Kreislauf jährlich: Die Kuh bekommt jedes Jahr ein Kalb, wird kurz darauf wieder befruchtet und bis auf zwei Monate vor der Geburt, täglich zwei bis dreimal gemolken [1].

Auch in Österreich steigt die Milchleistung pro Kuh jährlich. Während in den 1970ern pro Kuh noch etwa 3.000 Liter Milch gemolken wurden, hat sich diese Zahl bis heute schon mehr als verdoppelt. Mittlerweile gibt eine einzelne Kuh im Schnitt 7.250 Liter Milch pro Jahr. Das sind über 20 Liter Milch pro Tag [1]. Sogenannte „Turbokühe“, also Tiere, die über 10.000 Liter Milch geben, sind im Vergleich zu anderen Ländern zwar noch selten, aber auch hier bereits im Einsatz [9]. Da Milch nichts anderes als ein aus dem Blut der Tiere gefiltertes Drüsensekret ist, wurden die Euter über die letzten Jahrzehnte auf immer mehr Gewebevolumen gezüchtet und damit zunehmend größer und schwerer. Der Kreislauf der Tiere muss zudem umgerechnet Tausende Liter Blut tagtäglich durch diese Drüsen transportieren [12]. Um eine derartige Hochleistung zu vollbringen, genügen Gras und Heu bei weitem nicht mehr. Stattdessen wird mit Kraftfutterzusätzen gearbeitet, die hoch-spezialisiert entwickelt werden und dabei sogar den Organismus der Kühe selbst austricksen, um ihn fettreichere Nahrung und damit mehr Kalorien aufnehmen zu lassen [9].

Nach nur drei Jahren als Milchkuh folgt die Schlachtung

Wenig überraschend, verlangt dieser Lebensstil den Kühen gesundheitlich viel ab. Während ein Rind gewöhnlich eine Lebenserwartung von 20 Jahren hat, sinkt bei Milchkühen nach 5 bis 6 Jahren die Milchleistung und die Fruchtbarkeit erheblich [9]. Am häufigsten leiden die Tiere unter Euterentzündungen. Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa 15 % aller Milchkühe eines Stalls akut an Euterentzündungen leiden [13]. Etwa 40-50 % aller Milchkühe erkranken innerhalb eines Laktationszyklus an einer Eutererkrankung [14]. Die schweren Euter behindern die Tiere oft auch beim Laufen und scheuern zwischen den Hinterbeinen, was neben Ekzemen zu Fehlstellungen, Gelenks- und Klauenproblemen führen kann. Aber auch Gebärmuttererkrankungen und Stoffwechselstörungen sind an der Tagesordnung [12].

Sobald die Kühe nicht länger verlässlich Kälbchen zur Welt bringen können und damit der sogenannte Laktationszyklus unterbrochen wird, werden die Tiere aussortiert und landen meist bei Schlachtbetrieben. In Österreich lebt die durchschnittliche Milchkuh nur 6,3 Jahre, bevor sie geschlachtet wird. Abzüglich der Zeit, bis eine Kuh das erste Mal selbst ein Kalb zur Welt bringt, ergeben sich damit nur etwa drei Jahre in der sie aktiv zur Milchproduktion beiträgt [1].

Alternativen sind pflanzlicher Natur

Viele der beschriebenen Praktiken und Probleme beschränken sich nicht nur auf die konventionelle Milchproduktion. Auch bei herkömmlichen Biobetrieben dürfen Kälber beispielsweise früh von ihren Müttern getrennt und enthornt werden [1]. Der Milchratgeber der Tierschutzombudsstelle Wien hilft deshalb beim Einkauf einen Überblick über die tatsächlichen Lebensbedingungen der Tiere zu behalten.

Eine eindeutigere Alternative sind pflanzliche Milchersatzprodukte, die mittlerweile in Geschmack und Konsistenz Kuhmilch auch immer ähnlicher werden.

[1] Land schafft Leben. Vom Kalb zur Milchkuh. https://www.landschafftleben.at/lebensmittel/milch/herstellung/aufzucht#trennungkalbkuh (aufgerufen: 02.2023)

[2] Flower F C, Weary D M. Effects of early separation on the dairy cow and calf:: 2. Separation at 1 day and 2 weeks after birth. 2001. https://doi.org/10.1016/S0168-1591(00)00164-7.

[3] Roth B A, Barth K, Gygax L, Hillmann E. Influence of artificial vs. mother-bonded rearing on sucking behaviour, health and weight gain in calves. 03.2009. DOI:10.1016/j.applanim.2009.03.004

[4] Waiblinger S, Magierski V, Barth K. Early maternal contact affects dairy animals´ spontaneous social behaviour and sociality. In: Dwyer CM, Harris M, Rahman SA, Waiblinger S, Rodenburg TB (eds) „Developing animal behaviour and welfare: Real solutions for real problems“ : Proceedings of the 54th Congress of the ISAE, 2-6 August 2021 ; Online congress. p 57

[5] Beaver A, Meagher R K, von Keyserlingk M A G, Weary D M. Invited review: A systematic review of the effects of early separation on dairy cow and calf health. 2019. https://doi.org/10.3168/jds.2018-15603.

[6] SRF. Ein Bauer steigt aus: Kühe und Kälber rufen nach der Trennung tagelang nacheinander. 04.05.2019. https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/ein-bauer-steigt-aus-kuehe-und-kaelber-rufen-nach-der-trennung-tagelang-nacheinander (aufgerufen: 02.2023)

[7] Tucker C B. Behaviour of cattle. In: The ethology of domestic animals: an introductory text. (3. Ausgabe). 2017. DOI: 10.1079/9781786391650.0189

[8] Menke, C., Waiblinger, S., Fölsch, D., & Wiepkema, P. (1999). Social Behaviour and Injuries of Horned Cows in Loose Housing Systems. Animal Welfare, 8(3), 243-258. doi:10.1017/S0962728600021734

[9] ORF 2. Am Schauplatz: Milch um jeden Preis. Sendung vom 12.11.2015. https://www.youtube.com/watch?v=4dCe4rq35C4

[10] top agrar online. Meyer S. Kälberaufzucht: Milch statt Palmöl. 14.12.2017. https://www.topagrar.com/rind/news/kaelberaufzucht-milch-statt-palmoel-9425684.html (aufgerufen: 02.2023)

[11] Drillich M. Anwendung von Hormonen bei Milchkühen. 2011. ISBN: 978-3-902559-58-6

[12] Quarks. Heck J. Darum leiden viele Kühe für unsere Milch. https://www.quarks.de/umwelt/landwirtschaft/darum-leiden-viele-kuehe-fuer-unsere-milch/ (aufgerufen: 02.2023)

[13] Firth C L, Laubichler C, Schleicher C, Fuchs K, Käsbohrer A, Egger-Danner C, Köfer J, Obritzhauser W. Relationship between the probability of veterinary-diagnosed bovine mastitis occurring and farm management risk factors on small dairy farms in Austria.Journal. 2019. https://doi.org/10.3168/jds.2018-15657.

[14] Hillerton, J.E. and Berry, E.A. (2005), Treating mastitis in the cow – a tradition or an archaism. Journal of Applied Microbiology, 98: 1250-1255. https://doi.org/10.1111/j.1365-2672.2005.02649.x

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