Schutzmaßnahmen müssen in Krisenzeiten auch für Nutztiere gelten.

Aus aktuellem Anlass haben wir zwei wichtige Forderungen an die Regierung veröffentlicht und appelliert, jene nicht zu vergessen, die vielleicht nicht auf den ersten, sehr wohl aber auf den zweiten Blick von der aktuellen Situation betroffen sind: die Nutztiere.

Ungarn hat, wie auch neun weitere EU-Staaten, die Grenzen geschlossen, um der Ausbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken. An der ungarischen Grenze führt diese Sicherheitsmaßnahme zu kilometerlangen Staus – in den Medien war heute schon von bis zu 50 Kilometern die Rede. Bedenkt man die Masse an Nutztieren, die tagtäglich quer durch die EU und über ihre Grenzen hinaus transportiert wird, gilt es als sicher, dass sich unter den Hunderten von LKWs, die aktuell im Stau an der Grenze stecken, auch Tiertransporter befinden.

Nutztiere stehen während eines solchen Transports ohnehin unter großem Stress, dem sie nun durch Verkehrsstaus noch Stunden länger ausgesetzt sind. Diese empfindsamen Tiere dürfen nicht vergessen werden.

Weiters werden Schlachttier-Versteigerungen lt. Bundesgesetzblatt für die Republik Österreich vom 15. März 2020 von den aktuell geltenden Einschränkungen ausgenommen:
https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblAuth/BGBLA_2020_II_96/BGBLA_2020_II_96.html – Paragraph 2, Punkt 11

Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus hat folgende Informationen zum Corona-Virus auf der offiziellen Website zur Verfügung gestellt:
https://www.bmlrt.gv.at/land/produktion-maerkte/coronavirus-landwirtschaft

Die Aussage darin lautet klar und deutlich: Die Ausgangsbeschränkungen und das Verbot von Versammlungen von mehr als fünf Personen gelten nicht für landwirtschaftliche Betriebe, da sie zur kritischen, systemerhaltenden Infrastruktur zählen. Das bedeutet, landwirtschaftliche Betriebe können ihrer Tätigkeit möglichst uneingeschränkt nachgehen. So ist Feldarbeit nach wie vor möglich. Diese Regelung stellt keinen „Freifahrtschein“ dar! Landwirtschaftliche Betriebe sollten sich auf unbedingt notwendige Arbeiten zur Sicherung der Lebensmittelproduktion beschränken. Vor allem Arbeiten mit erhöhtem Unfallrisiko, wie zum Beispiel nicht zwingend erforderliche Forsttätigkeiten, sind zu unterlassen.

Hier sehen wir im Hinblick auf die Schlachttier-Versteigerungen einen Widerspruch. Hauptabnehmer bei solchen Versteigerungen ist die Gastronomie. Da diese derzeit komplett aussetzt, halten wir die für Ausnahmen geltende Argumentation der Notwendigkeit nicht als gegeben. Daher sollte für Schlachttier-Versteigerungen auch nicht die „Fünf-Personen-Regel“ außer Kraft gesetzt werden.

Wir fordern die Regierung dazu auf, Schutzmaßnahmen auch für Nutztiere geltend zu machen, d.h. konkret:

  • Tiertransporte – besonders Transporte in nichteuropäische Drittstaaten – müssen in der Krisenzeit bis auf weiteres gestoppt und
  • Schlachttier-Versteigerungen bis auf weiteres ausgesetzt werden!

Statement unserer Präsidentin Madeleine Petrovic: 
Unter den wartenden LKWs sind auch hunderte Tiertransport-Fahrzeuge. Abgesehen davon, dass auch für die Fahrerinnen und Fahrer schleunigst Hilfe organisiert werden muss, erleiden diese Tiere völlig sinnlos Höllenqualen. Bei Transporten dieser Art, durch Staus nun um etliche Stunden verlängert, stehen die Tiere derart unter Stress, dass vom Verzehr solcher Fleischwaren aufgrund der immensen Mengen an ausgeschütteten Stresshormonen der Tiere ohnehin dringend abzuraten ist. Und jene Tiere, die diese Transporte nicht überleben, verschärfen jede hygienische bzw. gesundheitliche Krise. Während des Transports können mögliche Tierkadaver nicht entsprechend entsorgt werden. Gerade jetzt müssen Tiertransporte, jedenfalls über Grenzen, per sofort UNTERBUNDEN, die festsitzenden Fahrzeuge aus den Staus heraus gelotst werden. Die österreichische Bundesregierung sollte dies auch SOFORT von den europäischen Partnern fordern und die Kooperation mit den betroffenen Branchen versuchen.

Statement von Dr. Alexander Rabitsch (Tierarzt, langjähriger Tiertransport-Kontrolleur und international Vortragender zu Tierschutz-Themen): 
In Erwägungsgrund 11 der Verordnung 1/2005 (EU-Tiertransport-Verordnung) heißt es, dass das, Grundprinzip’ der Verordnung lautet, dass ein Transport NICHT durchgeführt werden darf, wenn den Tieren dabei Verletzungen oder UNNÖTIGE LEIDEN zugefügt werden könnten. Die Gefahr, dass Tiere ungerechtfertigt und erheblich leiden, ist gegenwärtig vielerorts an europäischen Binnengrenzen und bei Exporten in außereuropäische Drittstaaten gegeben. Ich bin der Ansicht, dass die zuständigen Behörden berechtigt und tatsächlich VERPFLICHTET sind, einen Transport zu verbieten, wenn eine berechtigte, schwerwiegende und realistische Möglichkeit besteht, dass den Tieren während des Transports unangemessenes Leid zugefügt werden könnte.