175 Jahre Wiener Tierschutzverein bzw. Tierschutz Austria.

Vereinspräsidentin Madeleine Petrovic im Interview.

175 Jahre – Was bedeutet das für dich?

Stolz, Freude, aber auch Verantwortung für den ältesten Tierschutzverein Österreichs. Er hat eine Fülle von schwierigen Zeiten erlebt und überlebt und seine Bedeutung wird permanent größer. Nicht nur in Bezug auf das Tierschutzhaus Vösendorf als größtes Kompetenzzentrum für Haus- Wild- und Nutztiere.

Was meinst genau du damit?

Angesichts der Pandemie, der weltweiten Berichte über aussterbende Tiere, dem Schicksal der Nutztiere, die unter schrecklichen Bedingungen tausende Kilometer umhergekarrt werden, ist es wichtig, ein Gegengewicht zu setzen. Das bedeutet auch, mehr Menschen dafür zu gewinnen, sich für einen humanen Umgang mit Tieren und eigene Rechte für Tiere einzusetzen.

Was werden die relevanten Tierschutz-Themen im Jahr 2021 sein?

Nutztiere müssen das Recht erhalten, artgerecht zu leben. Ich werde niemandem vorschreiben, vegan oder vegetarisch zu leben. Aber es kann und muss von allen Menschen verlangt werden, dass tierische Lebensmittel nicht nur nach dem Preis, sondern nach Kriterien der Würde der Tiere beurteilt werden. Das ist auch deshalb wichtig, um die heimische Landwirtschaft nicht dem Druck der Weltmärkte preiszugeben.

Ebenso wird es um den Schutz wildlebender Tiere gehen müssen. Damit meine ich nicht nur gefährdete Arten, sondern das Leben in der Natur an sich. Das sind oft Tiere, die wir kaum wahrnehmen, die aber für den Kreislauf der Natur ganz wichtig sind, wie Regenwürmer oder Bienen.

Welche Schwerpunkte werden im Jubiläumsjahr gesetzt?

Natürlich ist und bleibt unsere Arbeit im Tierschutzhaus Vösendorf, wo wir jährlich tausende Wildtiere betreuen und versorgen, Haustieren ein sicheres Obdach geben und neue Menschen für sie finden und auch Nutztiere und Exoten kompetent versorgen, das Herzstück. Daher werden wir auch heuer danach trachten, dass unser Haus zeitgemäß instandgehalten wird, bis wir endlich ein neues, nicht kontaminiertes Grundstück finden.

Auf politischer Ebene werden wir Druck machen, dass es angesichts der immer häufigeren Zoonosen nicht nur um die Forschung nach einem Heilmittel geht, sondern dass die Ursachen hinterfragt werden. Diese liegen sehr stark auch im verantwortungslosen und brutalen Umgang mit Tieren. In Sachen Artenschutz werden wir strikt darauf achten, dass Verstöße geahndet werden die Gefährdung von Wildtieren nicht als Kavaliersdelikt übergangen wird. Ganz besonders wird es auch darum gehen, uralte Vorurteile und falsche Tierschutzpolitik zu korrigieren wie etwa im Umgang mit Stadttauben oder Wölfen.

In welchen Bereichen des Tierschutzes siehst du Fortschritte, wo herrscht Stillstand oder gar ein Rückschritt?

Ganz schlimm steht es bei den Wildtieren, was vor allem einer völlig verhärteten Diskussion mit gewissen unseriösen Teilen der Jägerschaft geschuldet ist. Wir haben immer versucht sachlich und vernünftig zu bleiben, aber mit jenen so genannten Jägern, die gezüchtete, handzahme Tiere abschlachten, sie in Todesangst im Gatter herumtreiben und die Jagd nicht im Sinne der Hege sehen, gibt es keinen sinnvollen Dialog.

Im Nutztierbereich ist die Situation gemischt. Während es im Geflügelbereich eine gute Zusammenarbeit zwischen Tierschutz und Landwirtschaft – sehr zum Vorteil der Tiere, KonsumentInnen, der Umwelt und der BäuerInnen – selbst gibt, so mühsam ist es etwa bei der Schweine- oder Rinderhaltung, qualvolle Praktiken endlich zu beseitigen. Zum Beispiel Vollspaltenböden bei Schweinen oder die ganzjährig erlaubte Anbindehaltung bei Rindern sowie die grausamen Langstreckentiertransporte.

Den größten Fortschritt orte ich allerdings bei den Menschen selbst. Gerade in der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass die KonsumentInnen teilweise viel weiter sind als die Politik. Die Nachfrage nach artgerecht hergestellten tierischen Lebensmitteln ist gestiegen und es gibt ermutigende Anzeichen, dass auch der Lebensmittelhandel selbst sich immer mehr dafür interessiert, wie tierische Nahrungsmittel produziert werden und ehrliche Kontrollen will.

Apropos Corona: Wie hat Tierschutz Austria die Pandemie bisher aus deiner Sicht erlebt?

Ich bin sehr dankbar dafür, dass die Menschen unsere Arbeit und unsere Schützlinge auch in der Krise nicht im Stich gelassen haben und uns weiterhin ihre Unterstützung zukommen lassen. Auch das Interesse für das, was wir tun, ist gewachsen, was mich persönlich sehr freut.

Du bist seit vergangenem Sommer als Expertin für Tierschutz im Gesundheitsministerium tätig – was sind hier die Themen, die besonders forciert werden müssen?

Einerseits möchten wir das Verhältnis der NGOs aus den Bereichen Tierschutz, Artenschutz und Naturschutz zu den Behörden verbessern, eine verstärkte Kooperation und ein besseres Wissen voneinander fördern. Es ist undenkbar, dass der Staat die wichtigen Aufgaben, die diese NOGs übernehmen auch nur annähernd wahrnehmen kann. Daher brauchen wir einander. Dazu muss aber auch der gesetzliche Rahmen entsprechend passen. Das zweite große Thema ist die europaweite Kennzeichnung aller tierischen Lebensmittel. Was uns voreschwebt, ist eine simple, gut überprüfbare Kennzeichnung ähnlich jener bei Hühnereiern. Diese soll auch für die Hauptbestandteile von Fertiggerichten und in der Gastronomie gelten. Für die KonsumentInnen soll sofort ersichtlich sein, wie und wo das Tier gelebt hat. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Leute, wenn sie genau sehen können, was sie zu sich nehmen, in großer Mehrheit für Produkte aus artgerechter Tierhaltung entscheiden werden.

Hinter uns liegt ein schwieriges Jahr. Was sind deine Wünsche fürs neue – für den Tierschutz, gesellschaftlich, persönlich?

Ich wünsche mir, dass wir Schritt für Schritt weitere Verbesserungen im Tierschutz umsetzen können und uns auch von kleinen Ärgernissen oder Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Gesellschaftlich wünsche ich mir, dass die Zahl der Menschen, die erkennen, dass jedes Lebewesen, jedes gerettete Tierleben, wichtiger ist als volkwirtschaftliche Kennzahlen, weiter zunimmt. Letztere werden auch nur dann langfristig gut sein, wenn wir das Leben würdigen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass ein gutes Leben für Mensch und Tier möglich ist.